Dritte Orte, andere Menschen? – Neue Fragen an die Gestaltung von Kulturbetrieben

19.08.2019 Von: Gernot Wolfram

Frau, Porträt
Filmstill aus „Ohneland“ (1995) von Hatice Ayten

Konzerthalle, Soziokulturelles Zentrum oder Sportstätte? Wie sehen kulturelle Orte der Zukunft aus? Der Kulturwissenschaftler Gernot Wolfram argumentiert, dass sich viele Kulturinstitutionen bei dieser Frage weiterhin von klassischen Raumvorstellungen leiten lassen und dabei einen wesentlichen Aspekt außer Acht lassen – die emotionale Wechselwirkung zwischen Mensch, Ort und Zeit.

Ende Mai in Berlin: Ein Symphonieorchester aus den Niederlanden spielt die 5. Symphonie von Tschaikowski. Während die Musiker*innen auf ihre Noten blicken, gehen leise einige Jugendliche in Sportkleidung am Orchester vorbei. Kinder laufen zu Turngeräten, die nebenan auf den ausgelegten Matten stehen. Geflüchtete aus einer nahen Unterkunft setzen sich für eine Weile auf die aufgestellten Bänke und Sitzgelegenheiten, um der Musik zu lauschen. Draußen, hinter den geöffneten Türen, wird eine Musikanlage aufgebaut für einen Salsa-Tanzabend im Freien. Einige der Amateurtänzer*innen bilden ebenfalls für eine Weile das Konzertpublikum. Die Mischung ist zunächst irritierend. Und gleichzeitig folgerichtig: Im Hangar 1, eine der alten Flugzeughallen auf dem ehemaligen Flughafengelände in Berlin-Tempelhof, wird von der Non-Profit Organisation tentaja ein Raumkonzept verfolgt, welches scheinbare Gegensätze zusammenfügt. In diesem Raum gelten die konventionellen Distinktionsregeln des Kulturbetriebes nicht. Es ist ein offener Raum, der es sich zum Ziel gesetzt hat, umfassende Teilhabe zu ermöglichen: aus dem Geist der Gleichzeitigkeit von Kulturen, Künsten und den individuellen Bedürfnissen von Menschen heraus.

Gegensätze zusammendenken

Hier vollzieht sich etwas, das viele Initiativen der kulturellen Bildung und des Audience Developments seit vielen Jahren fordern: Teilhabe von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildungsschichten ermöglichen, Barrieren abbauen, offene Räume schaffen. Viele der vorgeschlagenen Ansätze haben sich jedoch in den letzten Jahren jeweils auf einen bestimmten Bereich konzentriert. Auf die Veränderung des Programms von Kulturbetrieben, auf neue Ansprache-Modelle oder eben auf die Gestaltung von Räumen. Dabei sollte es vielleicht, wie im Hangar 1 zu beobachten, viel stärker um eine holistische Annäherung gehen. Um Konzepte, in denen Aufenthaltsqualität und Angebotsqualität zusammen gedacht werden. Raum, Zeit, Mensch und Bedürfnis müssen gemeinsam betrachtet werden, inklusive der Wechselwirkungen zwischen diesen Dimensionen. Erst wenn alle der genannten Faktoren berücksichtigt werden, kann es zu einer nachhaltigen Bindung kommen. Das ist mit Einzelprojektmaßnahmen freilich nicht zu erreichen.

Gernot Wolfram Gernot Wolfram arbeitet als Publizist und Professor für Medien- und Kulturmanagement an der Macromedia Hochschule Berlin. Er vertritt zur Zeit die Professur für Kulturmanagement an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Zu seinen Forschungsschwerpunkt gehören Transkulturelle Entwicklungen, kulturelle Empowerment-Prozesse und Dritte-Orte-Forschung. Zuletzt erschien von ihm bei der Bundeszentrale für politische Bildung der Essay „Die Kunst, für sich selbst zu sprechen“ (BpB 2019). Kontakt: g.wolfram@macromedia.de