Werdet konkret!

8.10.2018 | Von Alice Lanzke

Personen im Stuhlkreis diskutieren
Foto: Laura Fiorio

Mehr und mehr rückt das Thema Diversität in den Fokus unterschiedlicher Veranstaltungen des Kulturbereiches – doch produzieren solche Formate nicht selbst Ausschlüsse? Ein Interview zum Fachtag „The State of the ArtsInstitutions - Kulturelle Gerechtigkeit im Kulturbetrieb?“ mit dem Berliner Projektbüro Diversity Arts Culture.

Eine wachsende Zahl von Veranstaltungen widmet sich dem zunehmenden Bewusstsein für die Unterrepräsentation von bestimmten Menschen im Kulturbetrieb – so auch die Veranstaltung „The State of the ArtsInstitutions - Kulturelle Gerechtigkeit im Kulturbetrieb?“ am 4. September 2018 in Berlin. Aber werden mit derartigen Fachtagen, Symposien oder Podiumsdiskussionen nicht teilweise selbst Ausschlüsse geschaffen? Eine durchaus kritische Frage, der sich KIWit stellte, indem der Verbund die Veranstaltung durch „Diversity Arts Culture“ (DAC) begleiten ließ.

Das Projektbüro, das für einen diversitätsorientierten Strukturwandel im Berliner Kulturbetrieb arbeitet, evaluierte einzelne Bestandteile des Tages. Im Gespräch ziehen Teamleiterin Sandrine Micossé-Aikins, Cordula Kehr (Referentin Kommunikation), Eylem Sengezer (Referentin für Öffnungsprozesse Kulturinstitutionen), Bahareh Sharifi (Programmleitung) sowie Carolin Huth (Programmassistenz) eine erste spontane Bilanz.

Sie haben den Fachtag „The State of the ArtsInstitutions - Kulturelle Gerechtigkeit im Kulturbetrieb?“ als critical friends, also als kritische Freundinnen beobachtet. War diese Rolle für Diversity Arts Culture neu?

Bahareh Sharifi: Einzelne von uns haben bereits Veranstaltungen als critical friends begleitet, aber für das Projektbüro war es das erste Mal und damit auch ein Testlauf für Kriterien, die wir für eine solche Begleitung anlegen können.

Cordula Kehr: Wir haben im Vorfeld Leitfragen für die kritische Begleitung formuliert, die sich aus unserer eigenen Arbeit ergeben. Aus unseren Workshops kennen wir viele Herausforderungen, vor denen derartige Veranstaltungen stehen.

Welche Herausforderungen sind das konkret?

Cordula Kehr: Es muss zum Beispiel mit den unterschiedlichen Vorkenntnissen der Teilnehmer*innen umgegangen werden. Sie sollten bei der Konzeption bedacht werden, damit produktiv gearbeitet und kritisch diskutiert werden kann.

Wurde das hier bei der Konzeption berücksichtigt?

Carolin Huth: Wir sind sehr kurzfristig in die Begleitung eingestiegen, waren in die Konzeptionsphase also nicht involviert. Aber auffällig ist, dass schon die Titelfrage nicht ganz klar ist: Was ist eigentlich mit kultureller Gerechtigkeit gemeint und wer soll damit angesprochen werden?

Cordula Kehr: Entsprechend wissen wir auch nicht, wer und wie eingeladen wurde. Aber was mir gleich im Ankündigungstext des Fachtages auffällt, ist eine gewisse Unschärfe. So wird etwa am Ende gefragt: „Wie lässt sich das Potenzial der vielfältigen Gesellschaft besser ausschöpfen?“ Diese Frage drückt in meinen Augen ein neoliberales Verständnis von Diversität aus – das allerdings im Text bis dahin überhaupt nicht angesprochen wird. Dementsprechend bleibt offen, ob beim Fachtag geklärt werden soll, wie Selbstorganisation und Partizipation tatsächlich stattfinden können, oder ob es doch eher darum geht, wie Kulturbetriebe von der gesellschaftlichen Vielfalt profitieren können. Das ist überhaupt eine grundsätzliche Kritik: Der Diversitätsbegriff war eher diffus, jede*r Redner*in hat ihn anders definiert und benutzt, wobei sich die jeweiligen Definitionen auch widersprachen [1]. So fehlte ein kleinster gemeinsamer Nenner. Diese Begriffsdiffusität zeigte sich auch darin, dass „kulturelle Integration“, „kulturelle Vielfalt“, „Diversität“ und „Teilhabe“ synonym gebraucht wurden – was genau und wer gemeint ist, wird auf diese Weise nicht klar. Vielleicht hätte man im ersten Teil des Fachtages einen gemeinsamen Diversitätsbegriff bestimmen sollen, mit dem man dann in der Workshop-Phase des zweiten Teils weiterarbeitet – wie auch immer das umgesetzt werden könnte.

Peggy Piesche, Referentin für Feminismus und Geschlechterdemokratie beim Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung, hielt die Keynote. In ihrem Vortrag wurde doch durchaus ein Rahmen gesteckt?

Cordula Kehr: Ja, es war sehr gut, dass Peggy Piesche zum Beispiel betonte, dass Diversität kein additiver Begriff ist. In den Workshop-Diskussionen zeigte sich allerdings, dass die Teilnehmer*innen ihn dennoch teilweise so verstanden und aufzählten, mit welchen migrantischen Organisationen sie zusammenarbeiten, statt beispielsweise zu benennen, wie zusammengearbeitet wird. Vielleicht würde es helfen, solche guten Leitlinien aus der Keynote in den Workshops zur Diskussionsgrundlage zu machen.

Bahareh Sharifi: Ein guter Ankerpunkt hätte auch sein können, sich stärker die unterschiedlichen, strukturellen Ausgangsbedingungen anzuschauen, die Menschen mit Rassismuserfahrungen vorfinden und wie das ihren Zugang zum kulturellen Feld bedingt. Sonst läuft man Gefahr, sie als eine homogene Gruppe wahrzunehmen. Wir als Diversity Arts Culture richten den Blick auf strukturelle Machtverhältnisse: Wie werden Arbeits- und Entscheidungsprozesse gestaltet und von wem? Wie werden Fördergelder verteilt? Diese Fragen hätten meines Erachtens stärker im Fokus stehen müssen.

Günter Winands, Amtschef bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, sprach das Grußwort vor der Keynote.

Eylem Sengezer: Das Grußwort spiegelte den Status quo der kulturpolitischen Debatte wider. Die Debatte um Diversität wird im Kulturbereich häufig mit Blick auf das Publikum geführt. Dieser Blick sollte sich dringend erweitern: Wir müssen auch über Einstiegs-und Aufstiegsmöglichkeiten reden.

Bahareh Sharifi: So lange die Institutionen ihr Diversitätsverständnis nicht genauer definieren und strukturelle Bedingungen weiter vernachlässigt werden, wird sich nur schwer etwas ändern. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gibt eine juristische Grundlage vor, an der man sich orientieren kann. Jede*r Arbeitgeber*in ist quasi verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass proaktiv Diskriminierung abgebaut wird. Was aber genau Diskriminierung bedeutet, bleibt oftmals ungeklärt.

Sandrine Micossé-Aikins: Der aktuelle Diskurs um Rassismus zeigt doch, dass strukturelle Ausschlüsse das Problem sind. Wir führen diffuse Debatten über imaginierte Zielgruppen. Impliziert wird zum Beispiel oft, dass Menschen mit Migrationsgeschichte oder konkret Personen of Color sich nicht für Kultur interessieren.

Eylem Sengezer: Ich würde gerne noch einmal zurück zur Keynote von Peggy Piesche kommen. Im Programm wurde der Titel der Keynote nicht genannt – das hätte dem Beitrag aber das Gewicht gegeben, das er verdient hat.[2] Denn Piesche zeigte anhand einer eigenen praktischen Erfahrung, wie Kulturinstitutionen selbst Ausschlüsse schaffen und welche konkreten Barrieren es gibt. Entsprechend war die Keynote eine kurze Sensibilisierung mit guten Praxisbeispielen...

Carolin Huth: ... auch der theoretische Diskurs wurde in der Keynote gut veranschaulicht.

Im ersten Teil des Fachtages wurden auch kurz die Partner*innen des Verbundes KIWit vorgestellt. Ist Ihnen bei dieser Vorstellung etwas aufgefallen?

Cordula Kehr: Es war gut, die Doppelrolle bzw. den Mehraufwand für NeMO (Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen) als einziger migrantischer Organisation im Verbund zu benennen. Aus dieser Benennung ergibt sich vielleicht auch eine Aufgabe für KIWit: Wie kann man die Arbeit besser verteilen und die Doppelrolle für NeMO strukturell auffangen? Eine Idee wäre, eine zweite migrantische Organisation in den Verbund aufzunehmen.

Eylem Sengezer: In dem Zusammenhang eine weitere Beobachtung zum Fachtag: Es war insgesamt ein sehr etabliertes, homogenes Publikum, das der Verband mit seiner Einladung erreicht hat.[3]

Der Fachtag bestand nicht nur aus Grußwort und Keynote, sondern vor allem aus vier Workshops zu unterschiedlichen Aspekten kultureller Gleichberechtigung bzw. Diversität im Kulturbetrieb. Sie haben drei davon besucht: Wie war Ihr Eindruck?

Sandrine Micossé-Aikins: Hilfreich wäre es gewesen, im Vorhinein abzuklären, welches unterschiedliche Vorwissen und welche unterschiedlichen Perspektiven unter den Teilnehmenden vorhanden sind. So hatten etwa Vertreter*innen von Institutionen konkrete Fragen, für deren Beantwortung aufgrund des Wissensgefälles der Raum fehlte. Mein Eindruck ist, dass es zu viel Programm für einen Tag war. Aber dieses Zeitproblem, ebenso wie die mangelnde Differenzierung zwischen Teilnehmer*innen mit und ohne Vorwissen ist ein häufiges Problem bei solchen Veranstaltungen.

Cordula Kehr: Der Workshop, in dem das Konzept „Neue deutsche Stadtgesellschaft“ aus Neuss vorgestellt wurde, war mit über 30 Teilnehmenden zu voll. Es war eine gute Idee, ein Best-Practice-Beispiel aus der Praxis vorzustellen, aber die Übertragbarkeit für verschiedene Kontexte wurde etwas zu wenig berücksichtigt. Es wäre vielleicht hilfreich gewesen, das Konzept in fünf bis sechs Thesen vorzustellen, anstatt sich auf freies Erzählen zu begrenzen. Zudem gab es ein ganz unterschiedliches Verständnis unter den Teilnehmer*innen zum Begriff der kulturellen Teilhabe, das nicht aufgelöst wurde.

Bahareh Sharifi: Es war ja nicht die erste Veranstaltung zu dem Thema, insofern gibt es Erfahrungswerte dazu, wie Begrifflichkeiten konkretisiert werden können. Vielleicht hätte man entsprechende Definitionen vorher miteingeben sollen. Eine weitere Möglichkeit wäre, das Vorwissen der Teilnehmer*innen schon mit der Anmeldung abzufragen und entsprechend darauf zu reagieren.

Sandrine Micossé-Aikins: Wenn solche Workshops wirkliche Resultate bringen sollen, sollte man sich vorab überlegen, wen beziehungsweise welche Expertisen man dafür im Raum haben muss.

Carolin Huth: Von dem Workshop „Diversität in Kultureinrichtungen – Alibi oder Wille zur Veränderung?“ hatten wir einen sehr positiven Eindruck. Nach einem kurzem Warm Up wurden gleich zu Beginn Leitfragen präsentiert, die sich Organisationen stellen sollten, bevor es dann in die Gruppenarbeit ging. Die anschließende Vorstellung der Arbeitsergebnisse war gut und bedacht moderiert.

Eylem Sengezer: Ich schließe mich Carolins Einschätzung an. Der Workshop war sehr gut strukturiert. Neben einer diskriminierungskritischen Definition von Diversität, die dem Workshop zur Grunde gelegt wurde, ging es insbesondere darum, hemmende und fördernde Faktoren auf struktureller und individueller Ebene zu benennen: Unter welchen Bedingungen kann eine institutionelle Veränderung gelingen und wie können sich Mitarbeitende in diesen Prozess individuell einbringen? Dabei wurde der Bereich Personal als ein wichtiges Handlungsfeld beschrieben. Auch die Leitungsebenen wurden häufig adressiert – tatsächlich die Ebene, auf der die Debatte in meinen Augen geführt werden sollte und auch mit Verpflichtungen gearbeitet werden könnte. Veränderungen brauchen Zeit und diese Zeit müssen Institutionen ihrer Belegschaft bereitstellen.

Carolin Huth: Aber auch in diesem Workshop hätte ich mir einen konkreteren Diversitätsbegriff gewünscht. Erst wenn ich weiß, was ich unter Diversität genau verstehe, sehe ich auch die Barrieren, die existieren. Es kann einen Unterschied machen, Personen of Color zu adressieren oder Menschen mit Behinderung.

Sandrine Micossé-Aikins: Insgesamt hätten dem Fachtag mehr Fakten und Erkenntnisse der empirischen Forschung gutgetan.

Wie fällt nun Ihr erstes Fazit alles in allem aus?

Carolin Huth: Unser Urteil klingt bisher eher kritisch. Aber tatsächlich gab die Tagung einen sehr guten Überblick über den gegenwärtigen Stand der Diskussionen. Bei diesem Stand sollte es allerdings nicht bleiben, vielmehr sollte von hier aus geschaut werden, in welche Richtung man weitergehen kann. Ich hätte mir eine größere Vielfalt unter den versammelten Gästen gewünscht. So wurden intersektionale Perspektiven wenig berücksichtigt und eine stärkere Differenzierung hinsichtlich der adressierten marginalisierten Gruppen wäre in meinen Augen ein Gewinn gewesen.

Bahareh Sharifi: Insgesamt versuchte die Fachtagung viele verschiedene Schwerpunkte des Themenfelds aufzuzeigen, die auch die Struktur des Netzwerkes KIWit vereint. Dadurch hat die Veranstaltung leider auch etwas an Schärfe verloren.

Eylem Sengezer: Derzeit gibt es bis auf das Haus der Kulturen der Welt kein KIWit-Mitglied, das eine reine Kunst- und Kulturinstitution ist. So fehlt mir im Verbund ein stärkerer Bezug zur Arbeitsebene der Kulturinstitutionen.[4]

Sandrine Micossé-Aikins: ... aber genau das könnte man jetzt doch auf die Agenda setzen!

Das Interview führte Alice Lanzke.

Anmerkungen der Redaktion: Der KIWit-Verbund ist offen für Kritik und Verbesserungsvorschläge, um dem Ziel, Barrieren abzubauen und diskriminierungsfreie Räume für die Kulturarbeit zu schaffen, näher zu kommen.

[1] Da es sich bei der Veranstaltung „The State of the ArtsInstitutions - Kulturelle Gerechtigkeit im Kulturbetrieb?“ um einen Fachtag handelte, wurde ein gewisses Vorwissen in der Thematik um den Diversitätsbegriff vorausgesetzt. Eine Auseinandersetzung um die Frage, inwieweit eine Eingrenzung der Definition notwendig und zielführend ist, befürwortet der Kompetenzverbund grundsätzlich.

[2] Der Titel der Keynote-Rede von Peggy Piesche war leider auch dem Kompetenzverbund vor der Veranstaltung nicht bekannt, sondern wurde kurzfristig eingereicht.

[3] Der Anspruch des Kompetenzverbundes war und ist es, alle und insbesondere die von Ausschlüssen betroffenen Personen, zu adressieren. Diesem Anspruch wurde in der Einladungspolitik durchaus Rechnung getragen. Der Verbund hat keinen Einfluss darauf, welche Personen final bei der Veranstaltung teilnehmen.

[4] Alle Verbundpartner arbeiten sehr eng mit Kulturinstitutionen zusammen, um den Praxisbezug zu gewährleisten.

Diversity Arts Culture wurde im April 2017 mit dem Ziel gegründet, einen diversitätsorientierten Strukturwandel im Berliner Kulturbetrieb anzuregen und zu fördern. So sollen Kunst und Kultur für alle zugänglich gemacht und Barrieren abgebaut werden, um Kunst aus unterschiedlichen Perspektiven in den Kulturbetrieb zu bringen. Dafür geben die Mitarbeiter*innen des Projektbüros beispielsweise Workshops und begleiten Institutionen aus Kunst und Kultur bei ihrer Diversitätsentwicklung.

Alice Lanzke machte ihr Diplom in Politologie in Berlin und absolvierte danach den Aufbaustudiengang Journalismus in Mainz. Seit dem Master 2006 arbeitet sie als freie Journalistin vor allem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit den Schwerpunkten Politik, Wissen und Kultur. Daneben engagiert sie sich bei den Neuen deutschen Medienmacher*innen für mehr Diversität in deutschen Redaktionen und eine vielfältigere Berichterstattung.