Dritte Orte, andere menschen? – Neue Fragen an die Gestaltung von Kulturbetrieben

06.06.2019 Von: Gernot Wolfram

Menschen in einer Halle hören einem Orchester zu
Ein offener Raum, umfassende Teilhabe | Foto: Patrick S. Föhl

Konzerthalle, Soziokulturelles Zentrum oder Sportstätte? Wie sehen kulturelle Orte der Zukunft aus? Der Kulturwissenschaftler Gernot Wolfram argumentiert, dass sich viele Kulturinstitutionen bei dieser Frage weiterhin von klassischen Raumvorstellungen leiten lassen und dabei einen wesentlichen Aspekt außer Acht lassen – die emotionale Wechselwirkung zwischen Mensch, Ort und Zeit.

Ende Mai in Berlin: Ein Symphonieorchester aus den Niederlanden spielt die 5. Symphonie von Tschaikowski.[1] Während die Musiker*innen auf ihre Noten blicken, gehen leise einige Jugendliche in Sportkleidung am Orchester vorbei. Kinder laufen zu Turngeräten, die nebenan auf den ausgelegten Matten stehen. Geflüchtete aus einer nahen Unterkunft setzen sich für eine Weile auf die aufgestellten Bänke und Sitzgelegenheiten, um der Musik zu lauschen. Draußen, hinter den geöffneten Türen, wird eine Musikanlage aufgebaut für einen Salsa-Tanzabend im Freien.

Einige der Amateurtänzer*innen bilden ebenfalls für eine Weile das Konzertpublikum. Die Mischung ist zunächst irritierend. Und gleichzeitig folgerichtig: Im Hangar 1, eine der alten Flugzeughallen auf dem ehemaligen Flughafengelände in Berlin-Tempelhof, wird von der Non-Profit Organisation tentaja ein Raumkonzept verfolgt, welches scheinbare Gegensätze zusammenfügt. In diesem Raum gelten die konventionellen Distinktionsregeln des Kulturbetriebes nicht. Es ist ein offener Raum, der es sich zum Ziel gesetzt hat, umfassende Teilhabe zu ermöglichen: aus dem Geist der Gleichzeitigkeit von Kulturen, Künsten und den individuellen Bedürfnissen von Menschen heraus.

Gegensätze zusammendenken

Hier vollzieht sich etwas, das viele Initiativen der kulturellen Bildung und des Audience Developments seit vielen Jahren fordern: Teilhabe von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildungsschichten ermöglichen, Barrieren abbauen, offene Räume schaffen. Viele der vorgeschlagenen Ansätze haben sich jedoch in den letzten Jahren jeweils auf einen bestimmten Bereich konzentriert. Auf die Veränderung des Programms von Kulturbetrieben, auf neue Ansprache-Modelle oder eben auf die Gestaltung von Räumen. Dabei sollte es vielleicht, wie im Hangar 1 zu beobachten, viel stärker um eine holistische Annäherung gehen. Um Konzepte, in denen Aufenthaltsqualität und Angebotsqualität zusammen gedacht werden. Raum, Zeit, Mensch und Bedürfnis müssen gemeinsam betrachtet werden, inklusive der Wechselwirkungen zwischen diesen Dimensionen.[2] Erst wenn alle der genannten Faktoren berücksichtigt werden, kann es zu einer nachhaltigen Bindung kommen. Das ist mit Einzelprojektmaßnahmen freilich nicht zu erreichen.

In einer „Gesellschaft der Singularitäten“[3] , wie es beim Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz heißt, und einer sich immer stärker segmentierenden Öffentlichkeit, wird die Suche nach Räumen bedeutender, die eine agora (ἀγορά) sein können. Ein Marktplatz des Austausches, des Körpers, des Spiels, der Kunst, der Philosophie und des direkten menschlichen Gespräches. Dabei geht es nicht immer nur darum, zu lernen und zu kommunizieren, sondern darum, Wahrnehmungsqualität in der Tiefe des Wortes zu erfahren.

„Der große, gute Ort“

In dieser Perspektive liegt ein Verhältnis zwischen Mensch und Ort verborgen, das auch dann noch stark und intensiv sein kann, wenn das jeweils in den Räumen Gezeigte oder Präsentierte nicht oder nur teilweise überzeugt. Die moderne Raumsoziologie hat hier in vielen Forschungsprojekten herausgearbeitet, dass Räume unsere Wahrnehmung von Zeit, Genuss, Geschwindigkeit und Selbstwahrnehmung intensiv beeinflussen.

Ray Oldenburgs einflussreiches Buch „The Great Good Place“[4] hat den Begriff der „Dritten Orte“ stark gemacht. Es handelt sich dabei um Zonen des gesellschaftlichen Lebens, die nicht Privatraum (Erster Ort) oder Arbeitsplatz (Zweiter Ort) sind, sondern etwas Drittes. Hybride Räume voller unabsehbarer Möglichkeiten der Kommunikation und des Austausches. In solchen Räumen, so die Annahme des amerikanischen Kulturforschers Doug Borwick, entsteht kein klassisches Publikum, sondern es bilden sich im besten Fall neue Communities („Building Communities, not Audiences“) [5]. Gemeinschaften von Menschen, die ihre diversen Interessen und Bedürfnisse nicht voneinander trennen, sondern miteinander verbinden.

Gibt es eine zu große Offenheit?

Bibliotheken, Theater, Museen, Kinos, Galerien oder andere Kulturorte können solche Räume sein. Dennoch zeigt sich seit Jahren, dass es nur in wenigen Fällen gelingt, in diesen Orten jene Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen Bedürfnissen und kulturellen Praxen fest zu etablieren und somit eine Diversität herzustellen, welche den Namen verdient. Vielleicht liegt es daran, dass innovative Konzepte wie im Hangar 1 ein Problem mit sich bringen: Es ist nach klassischen Maßstäben nicht mehr zu erkennen, was das für ein Ort ist. Ein Kulturraum? Ein soziokulturelles Zentrum? Eine Konzerthalle, eine Sportstätte, ein lebendiges Denkmal Berliner Stadtgeschichte? Die Antwort lautet freilich: alles zugleich. Aber ist dieses Ungefähre nicht auch ein Risiko, eine zu weit gefasste Offenheit?

Ein Zentrum mit vielen Zentren

Hier kann ein Blick in die Forschung helfen. Der amerikanische Architekt und Stadtphilosoph Christopher Alexander hat in seiner Mustertheorie [6] Orte nicht mehr eingeteilt nach ihren primären Funktionen und Definitionen, sondern hinsichtlich der „Zentren“, die sie beherbergen.

In Alexanders Theorie verfügt jeder Raum über verschiedene Zentren, die er auch als „Eigenschaften“ bezeichnet. So findet man auch in einem Privatraum Orte wie etwa den Schreibtisch, das Bett oder das Sofa, die besonders häufig genutzt werden und hervorstechen. Ähnliches gilt für Kulturbetriebe. Auch hier erfahren bestimmte Raumsegmente eine intensivere Aufmerksamkeit und Nutzung, etwa das Foyer, der Publikumsraum, das Café usw. Dabei geht es Alexander aber nicht nur um architektonische Interventionen.

Diese „Zentren“ innerhalb von Räumen lösen Alexander zufolge Gefühle aus, die häufig von vielen Menschen geteilt werden, also nicht auf individuellen Unterschieden gründen. Aber nur dann, wenn diese Zentren auch in Korrespondenz mit den erfragten Bedürfnissen von Besucher*innen stehen. Bedürfnisse, die sich auf Raum, Zeit und eigenes Wohlbefinden richten. „Natürlich gibt es auch Gefühlsbereiche, wo wir uns alle unterscheiden, jeder hat seinen individuellen Charakter und seine unverwechselbaren Besonderheiten. Darauf konzentrieren sich Menschen üblicherweise, wenn sie über Gefühle sprechen. Aber diese besonderen Eigenarten machen ca. nur 10% unserer Gefühle aus. 90% unserer Gefühle drehen sich um Dinge, die wir ganz gleich empfinden.“ [7]

Wenn es gelingt, diese emotionalen Segmente eines Ortes stark zu machen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass unterschiedliche Menschen den jeweiligen Ort als gemeinsamen Raum begreifen, nutzen und gestalten. Es kommt zu einer „Praxis der Entfaltung“ innerhalb von sogenannten „Containers of Dialogue“ [8]. Diese sind nicht mehr unbedingt von eindeutigen Raumdefinitionen abhängig. Der Netzwerkforscher Patrick Föhl spricht hier auch von „Ankerorten“ [9]. Das soll keine Absage an klassische Kulturinstitutionen sein, aber verdeutlichen, dass ihre Verwandlung und Transformation häufig immer noch an zu starren Institutionsselbstverständnissen scheitern.

Andere Fragen an den Kulturbetrieb stellen

Für Kulturbetriebe heißt das konkret, ihre Räume neu nach den verschiedenen potentiellen Zentren und Mustern zu befragen, die sie enthalten. Folgende Fragen könnten dabei leitend sein:

  • Wie sehen die Türen und „Öffnungen nach draußen“ aus? Welche Ausblicke bietet der Ort?
  • Wo halten sich Besucher*innen am meisten auf?
  • Zu welchen Zeiten können Menschen den Ort besuchen (auch sehr früh oder sehr spät)?
  • Welche Möglichkeiten haben Besucher*innen, den Ort partiell umzugestalten?
  • Auf welchem Grund ruht der Ort auf? (War hier früher ein Parkplatz, eine Bäckerei, ein Verwaltungsgebäude, eine politische Institution?)
  • Welche Versprechen macht der Ort, die er auch einhalten kann? (Hier können Menschen sich sicher fühlen; hier steht Gegensätzliches nicht im Widerspruch zueinander etc.)
  • Wie viele Zentren trägt er in sich?
  • Wie ist er auf Konflikte vorbereitet?
  • Wen wird man dort mit hoher Wahrscheinlichkeit wiedertreffen?
  • Welche Gefühle löst der Aufenthalt aus? Welche Wunschvorstellungen von einem ‚anziehendem Kulturort‘ existieren in der Wahrnehmung der Besucher*innen?

Prinzipien mit Zukunft

Nicht nur der Hangar 1 in Berlin ist ein Beispiel für diese veränderte Wahrnehmung und Gestaltung von kulturellen Orten. Auch international sieht man die Umsetzung dieser Prinzipien selbst bei teuren Prestigeprojekten wie der von Renzo Piano auf einem ehemaligen Parkplatz in Athen errichteten „Stavros Niarchos Cultural Foundation“ . Das Kulturzentrum umfasst die Nationalbibliothek, die Staatsoper und ein Kunstmuseum. Auf der geneigten Aussichtsplattform befindet sich ein verglaster Lesesaal mit weitem Ausblick ins Umland und über das Meer. Besucht von Familien, Kunst- und Kulturinteressierten, von Flaneuren und Musiker*innen, die hier spontan improvisieren. Häufig bis spät in die Nacht, ist dieser Ort in der Tat ein Alexandersches` Zentrum, das viele Zentren in sich birgt.

Das Verständnis für „Gefühle des Aufenthalts“, für die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Mensch, Ort, Zeit und Bedürfnis wird sicher in den nächsten Jahren ein noch wichtiger werdender Schlüsselfaktor für kulturelle Orte sein. Vielleicht gelingt es dann noch besser, Diversität nicht nur zu fordern, sondern zu leben.

Fußnoten:

[1] Konzert des Symphonischen Orchesters DELFT am 31.05.2019 im Hangar 1

[2] Vgl. Wolfram, Gernot (2013): Der leuchtende Augenblick. Über Menschen und Orte des Lesens. Hentrich&Hentrich.

[3] Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp.

[4] Oldenbourg, Ray (1999): The Great Good Place: Cafes, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons, and Other Hangouts at the Heart of a Community. Da Capo Press.

[5] Borwick, Doug (2012): Building Communities, Not Audiences: The Future of the Arts in the United States. ArtsEngaged.

[6] Alexander, Christopher (1995): Eine Muster-Sprache. Löcker Verlag; Alexander, Christopher (1978): A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction. Oxford University Press

[7] Leitner, Helmut (2016): Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander. 2. ergänzte Auflage, Nausner&Nausner Verlag, S.82.

[8] Leitner (2016), S.97

[9] Föhl, Patrick & Künzel, Alexandra (2017): Abschlussbericht zur Kulturentwicklungsplanung der Landeshauptstadt Düsseldorf, Düsseldorf.

Gernot Wolfram Gernot Wolfram arbeitet als Publizist und Professor für Medien- und Kulturmanagement an der Macromedia Hochschule Berlin. Er vertritt zur Zeit die Professur für Kulturmanagement an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Zu seinen Forschungsschwerpunkt gehören Transkulturelle Entwicklungen, kulturelle Empowerment-Prozesse und Dritte-Orte-Forschung. Zuletzt erschien von ihm bei der Bundeszentrale für politische Bildung der Essay „Die Kunst, für sich selbst zu sprechen“ (BpB 2019). Kontakt: g.wolfram@macromedia.de