Die T(o)uring-Schule als Instrument der digitalen Ermächtigung

16.07.2019 Von: Thomas Meyer

Wie kann sich meine Schule digital vernetzen? | Foto: T(o)uring-Schule

Was müssen Schulen leisten, um Jugendlichen die Teilhabe an einer globalen und vernetzen Gesellschaft zu ermöglichen? Der Kommunikationsdesigner Thomas Meyer hat 2016 die sogenannte T(o)uring-Schule mitgegründet, die gemeinsam mit Schüler*innen und Lehrer*innen eine Didaktik des Internets entwickelt – unabhängig von der technischen Ausstattung der Schulen.

„Neue Ideen sollen in einem Umfeld entstehen können, das nicht von Gewinnstreben bestimmt wird.“ Ian Mackaye

Als wir 2016 die T(o)uring-Schule gründeten, hatten wir eine klare Vorstellung von den Inhalten, mit denen sich Unterricht in Zukunft auseinandersetzen muss: mit der Zukunft des Lebens, der Zukunft der Arbeit und der Zukunft der Dinge. All diese Bereiche erfahren durch das Internet einen Wandel, der unsere Lebenswelten im Kern verändert. Von schulischer Organisation wussten wir wenig. Deshalb haben wir mit unseren Ideen dort angeknüpft, wo Schulen organisiert werden: beim Berliner Senat. So konnten wir in den vergangenen drei Jahren mit Schulen, Stiftungen und Instituten zusammenarbeiten und die Verknüpfungen zwischen Schule, Internet und Gesellschaft erschließen.

Der sogenannte „Digitalpakt Schule“, dem der Bundesrat am 15. März 2019 zustimmte, sieht im Falle Berlins vor, dass Berlin in den kommenden fünf Jahren eine Summe von ca. 257 Millionen Euro zur Förderung der technischen IT-Infrastruktur seiner Schulen zur Verfügung steht. Das Geld darf für schulisches WLAN, interaktive Whiteboards, Cloud-Angebote, Digitale Arbeitsgeräte und schulgebundene mobile Endgeräte (Laptops, Tablets, aber keine Smartphones) genutzt werden. Um gefördert zu werden, müssen Schulen selbstständig ein pädagogisches Medienkonzept erarbeiten.

Allerdings werden Schulleitungen und Kollegien so gezwungen, mediale Konzepte zu entwickeln, um eine bessere Hardware-Ausstattung für den Schulunterricht zu bekommen. Die Gelder werden versprochen, ohne eine nachhaltige Hilfestellung anzubieten, diese Konzepte zu erarbeiten. Um diesen Missstand zu beheben, haben wir Formate entwickelt, um Schulen dabei zu unterstützen, eine Haltung zum Thema Internet zu gewinnen vor etwaigen Entscheidungen hinsichtlich Didaktik, Methodik und Technik. Dabei entstanden neue Methoden und Unterrichtsformen, die das gesamte Curriculum in Bezug auf das Thema Internet aktualisieren.

Mondays, Tuesdays, Wednesdays, Thursdays for Future

Die bedeutendste bildungspolitische Initiative unserer Zeit geht nicht von Bund und Ländern, sondern von Schülerinnen und Schülern aus. Als Teil der Fridays-for-Future-Bewegung stellen sie ihre eigene individuelle Bildung zurück, um uns Ältere zu lehren, dass auf Wissen auch Handeln folgen muss.

Dieselbe Generation müsste sich darauf einrichten, weiteren Unterricht einem anderen berechtigten Protest zu opfern, nämlich gegen die aktuelle Bildungspolitik. Denn die Jugendlichen müssen Entscheidungen über ihre berufliche Zukunft treffen, ohne zu wissen, welche Jobs es künftig noch gibt und sie müssen mit intelligenten Algorithmen interagieren und im Internet unterwegs sein, ohne die Folgen ihres Handelns abschätzen zu können.

Ihre Teilhabe an einer globalen und vernetzten Gesellschaft steht auf dem Spiel. Wichtiges Wissen über das Internet und seine Folgen wird in den Schulen nicht vermittelt, weil schon die Debatte dazu mit einem falschen Internet-Begriff geführt wird. Um das zu korrigieren, baut unsere Definition des Internets auf vier Formeln auf:

Internet ≠ Medien

Medien werden von ihren Nutzerinnen und Nutzern gelesen, gesehen und gehört. Folgerichtig erfordert Medienkritikfähigkeit, richtig zu lesen, zu sehen und zu hören. Das Internet hingegen liest, sieht und hört seine Nutzer*innen. Internetkritikfähigkeit erfordert folglich auch zu erkennen, wie man von Algorithmen gelesen, gesehen und gehört wird. Der Unterricht muss um Methoden erweitert werden, die diese algorithmischen Perspektiven auf menschliches Verhalten abbilden können, ohne Schüler*innen und Lehrer*innen ihren Auswirkungen auszusetzen.

Internet ≠ Geräte

Das Internet entwickelt sich von einem lokal zugänglichen Netzwerk zu einem Raum, der nicht verlassen werden kann. Die ersten Formen des Internets haben uns gelehrt, dass Geräte abschaltbar sind. Doch im Internet der Dinge gibt es diese Möglichkeit nicht mehr. Es hat weder einen Ausschalter noch ein Zugangsgerät – es ist immer an und wir sind potenziell immer „drin“.

Internet = lernende Algorithmen

Weil das Internet nicht mit Geräten gleichzusetzen ist, führen die technikzentrierten Lösungen des Digitalpakts nicht zu einer besseren Internetkritikfähigkeit. Vielmehr bewirken sie, dass sich eine weitere Generation von Schüler*innen mit einer weiteren Generation veralteter Hardware auseinandersetzen muss, während sie in allen anderen sozialen Räumen mit immer intelligenter werdenden Systemen interagieren müssen. Die Schüler*innen müssen lernen, mit diesen Algorithmen zu kommunizieren. Und sie müssen antizipieren, was sie den Algorithmen dabei beibringen. Dafür benötigen sie ein Curriculum, das sie in die richtigen Situationen bringt und Handlungsmöglichkeiten durchspielen lässt.

Internet = lernende Fächer

Die bestehenden Fachbereiche müssen lernen, welche Kompetenzen sie für den Umgang mit dem Internet vermitteln können. Die Aufgabe der T(o)uring-Schule ist es, Schüler*innen, Lehrer*innen und Algorithmen auf eine gemeinsame Lernebene zu bringen und in geschützten Räumen mögliche Szenarien durchspielen zu lassen.

Aus den neuen Perspektiven, die sich aus den vier Formeln ergeben, entwickelt die T(o)uring-Schule gemeinsam mit Schüler*innen und Lehrer*innen eine Didaktik des Internets – unabhängig von der jeweiligen technischen Ausstattung der Schulen.

Der Digitalpakt ist auf den ersten Blick eine Ausstattung der Schulen mit Werkzeugen (Hardware), um ein Arbeiten zu ermöglichen, das der gegenwärtigen Lebenswelt entspricht. Übersehen wird, dass die kurzlebige Hardware die Zugangsmöglichkeiten zu viel langlebigeren Softwaresystemen reguliert. Bereits jetzt nutzen große Unternehmen die aktuelle Mangelsituation um Schulen ihre Bildungspakete zu verkaufen und sie didaktisch, methodisch, inhaltlich und technisch von ihren Systemen abhängig zu machen. Diese Softwaresysteme haben komplexe methodische, soziale und ethische Dimensionen. Deren Durchdringung erfordert von allen Nutzer*innen eine fortwährende Auseinandersetzung mit den ihnen zugrundeliegenden Geschäftsmodellen und Algorithmen.

Es ist zu befürchten, dass der Mangel an entsprechend ausgebildeten Lehrer*innen und zeitlicher Kapazität für Fortbildung dazu führt, dass diese Arbeit und die damit verbundene sinnstiftende Einbindung der Technologie in den Unterricht nicht möglich sein wird. Ein Bildungssystem, das Unterricht mit Bezug zur zukünftigen Lebenswelt seiner Schüler*innen nicht gewährleisten kann, öffnet seine Schulen unwillkürlich für andere Akteur*innen. Deren Interessen sind sicher ähnlich verlockend wie die bisherigen Angebote der großen Suchmaschinen und Social-Media-Anbieter. Dieser neue Unterricht wird für diejenigen, die ihn sich leisten können und wollen, technologisch zeitgemäß sein und inhaltlich zu den Geschäftsmodellen der Firmen passen.

Didaktische Spielfelder für ein internet-spezifisches Lernen ohne technologische Abhängigkeit

Bis sich Klassenräume zu digital vernetzten Infrastrukturen gewandelt haben, bis die Lehrer*innen-Ausbildung eine Internet-adäquate Methodik vermittelt, bis Fachbereiche Lehrmaterial zur künstlichen Intelligenz, Automatisierung, Daten- und Bioethik entwickelt haben, mögen Jahre verstreichen. Um jetzt mit der Aktualisierung der Fächer zu beginnen, erarbeitet die T(o)uring-Schule eine für alle zugängliche Methodik, mit der zukunftsrelevante Themen und das bestehende Schulsystem zusammengebracht werden. Die Vernetzung der Schulen ist kein technologisches, sondern ein methodisches Problem. Schüler*innen und Lehrer*innen bringen mit ihren Smartphones bereits jetzt ihre privaten Wissensräume und neuste Technologie mit in die Schulen. Welche Potenziale stecken darin? Wie können diese sofort im Sinne eines Markt-unabhängigen Curriculums im Unterricht genutzt werden?

Wie kann sich meine Schule digital vernetzen?

Bei der digitalen Vernetzung der Schule können Schüler*innen, Kollegium, Eltern und Schulleitung zusammenarbeiten. Sie brauchen dafür eine Perspektive auf die Vernetzung, die die technologischen Probleme zunächst in den Hintergrund drängt. Spiele (digital und analog) sind nichts anderes als Algorithmen und haben daher viele Eigenschaften der digital-vernetzten Systeme, die wir gemeinsam erklären und untersuchen. Anhand analoger Medien, wie zum Beispiel Zettelkästen, werden Spielregeln für die Verbindung eigener Interessen mit schulischen Fächern entwickelt. Ein Team aus Schüler*innen und Lehrer*innen analysiert die Schule als Lernalgorithmus und entwickelt daraus neue Unterrichtsformate, die innerhalb ihrer bestehenden Architektur funktionieren. Auf diese Weise können sich Schulen mit der Lebenswelt ihrer Schüler*innen und Lehrer*innen verbinden und gleichzeitig erkunden, was digitale Vernetzung für sie bedeutet.

Mit welchen Expert*innen und Themen soll sich meine Schule vernetzen?

Außerschulische Expert*innen können komplexe Fragen einbringen: Was hat das Fach mit der Zukunft des Lebens (Gentechnik/Bio-Engineering/Geo-Engineering), der Zukunft der Arbeit (Automatisierung) und der Zukunft der Dinge (Künstliche Intelligenz / Maschinelles Lernen) zu tun? Indem Expert*innen-Wissen, das didaktische Wissen der Lehrkräfte und die intrinsische Motivation der Schüler*innen in spielerischen Szenarien zusammengeführt werden, können alle Beteiligten auf Augenhöhe nach Antworten suchen. Auf der Ebene des Spiels werden verschiedene Rollen und Perspektiven eingenommen und weiterentwickelt. Die Fragen der Zukunft werden so zu komplexen Welten, innerhalb derer wir gemeinsam Probleme lösen können.

Wie können sich Schulen untereinander vernetzen?

Einzelne Schulen haben mehr Privilegien in der Unterrichtsorganisation und können Fächer- und Jahrgangsstufen-übergreifende Lernformate entwickeln. Die Erfahrungen in der Organisation und Umsetzung neuer Formate kann mit allen Schulen geteilt werden. Die T(o)uring-Schule entwickelt dafür schulübergreifende Unterrichtsformate, indem sie die Schulen über spielerische Interaktionen vernetzt. Geplant ist eine Schatzsuche nach Ideen für digitale Bildung, die 2019/2020 in Berlin starten soll.

T(o)uring-Schule:
Thomas Meyer und Kaori Kristensen gründeten die T(o)uring-Schule 2016 als "mobile Schule". Sie unterstützt öffentliche Schulen darin, die Folgen der Digitalisierung zu ermessen und für die Schulentwicklung zu nutzen – insbesondere beim Thema Internet der Dinge. Das Projekt hat keinen Internetauftritt, weil es sich - ausgehend von persönlichen Kontakten - entwickeln möchte. Kontakt:

Thomas Meyer (*1976 in Bad Oeynhausen) studierte Kommunikationsdesign in Düsseldorf und arbeitet seit 2003 als Ausstellungs- und Kommunikationsdesigner. Er lehrte zehn Jahren Interaction- und Gamedesign an der Hochschule Düsseldorf und an der Fachhochschule Bielefeld. Seit 2016 arbeitet er für die T(o)uring-Schule. Seine Lehrtätigkeit und Forschung beschäftigt sich mit der anthropologischen Wirkung digitaler Systeme und in seiner Tätigkeit als Ausstellungsgestalter transformiert er vielschichtige Themen in interaktive und performative Räume. Seit 2017 ist er Mitglied des Konzeptionsteams, der vom Berliner Senat veranstalteten Konferenz "Diskurs.Medien.Bildung".