Hämmern, schrauben, sägen: Kinder bauen ihre Stadt

29.07.2019 Von: Stephanie von Aretin

Ein Mädchen und ein Erwachsender basteln mit Holz
Foto: Stefanie von Aretin

Wie sieht die Welt aus, wenn sie von Kindern entworfen wird? Das Leipziger Ferienprojekt „Stadt in der Stadt“ bietet jedes Jahr im Sommer mehreren hundert Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, spielerisch die Zukunft zu gestalten – fair, inklusiv und ökologisch nachhaltig.

Seit ein paar Minuten drängeln zwei Mädchen in das Bild: Winnie hat eines ihrer Ölgemälde vor sich auf den Schoß gestellt. Verschiedene große Kreise in den Ölfarben Rot, Blau, Grün tanzen über die Leinwand, verdichten sich in einer Ecke zu einem bunten Wasserfall. Dieses Bild hat sie für das Foto ausgewählt, während auf der Staffelei neben ihr unzählige Pinseltupfen in Pastelltönen an eine flirrende Sommerwiese erinnern, Ausdruck ihrer inneren Aufgewühltheit.

Eine Woche lang wird sie beim Ferienspiel „Stadt in der Stadt“ Kinder von sechs bis zwölf Jahren am Maltisch begleiten. Über 300 von ihnen haben sich allein an diesem Tag auf der großen Wiese im Robert-Koch-Park des Leipziger Stadtteils Grünau eingefunden.

Eine Frau malt ein Bild
Winnie Zimdars | Foto: Stefanie von Aretin

Winnie Zimdars ist Künstlerin und ehemalige Geschäftsführerin des Werk II in Leipzig, die inzwischen größte sozio-kulturelle Einrichtung in Sachsen und einer der festen Anker in der boomenden Kreativszene. Sie stand mitten im Leben, als 2004 eine Blutung im Gehirn ihr Sprachzentrum ausschaltete und sie in den Rollstuhl zwang. Sie ist ein Vorbild: für Mut, für Lebensfreude, für starke Freundschaft.

Auf der großen Parkwiese vor einer ehemaligen Fabrikantenvilla rücken in diesem Juli 2019 scheinbar weit entfernte Lebenswelten eng zusammen: Hinter den Baumwipfeln der mächtigen Eichen liegen acht Wohnkomplexe mit Plattenbauten in einem der größten Neubaugebiete des Ostens, das heute 45.000 Einwohner zählt. Leipzig-Grünau – vergleichbar mit Berlin-Marzahn und Halle-Neustadt – verlor nach der Wende fast die Hälfte seiner Einwohner*innen, zurück blieben vor allem ältere Bewohner*innen. Inzwischen ziehen oft Familien mit Migrationshintergrund in die Hochhäuser. Das Viertel gilt als einer der sozialen Brennpunkte der Stadt.

Was passiert, wenn Kinder zwei Wochen lang frei entscheiden dürfen? Wenn unterschiedliche soziale Milieus, Herkunftsorte, geistige und körperliche Fähigkeiten aufeinander treffen? Wenn Jugendliche und Erwachsene zwischen 13 und 81 Jahren allenfalls helfend eingreifen, um eine Schraube gerade zu halten und Essen auszuteilen?

Im besten Fall spielen die Unterschiede keine Rolle: Während die Holzhäuser in die Höhe wachsen, ist oft gar nicht erkennbar, wer eine Beeinträchtigung hat, geflüchtet ist oder in einer betreuten Wohngruppe aufwächst. Das ist das Schöne an dieser „Stadt in der Stadt“.

Kinder und Erwachsene basteln
Foto: Stefanie von Aretin

Wie ist das, wenn man als Kind selbst alle Entscheidungen treffen darf? „Ganz am Anfang schwierig“, sagt die 9-jährige Hannah. „Wenn man nicht weiß, ob es nützlich ist, was man vorhat.“ Lukas (8) meint: „Wenn ich an so einem Ort bin, gehört es sich, dass ich mitmache. Die Bauwerke sind echt cool geworden.“

Auf der Bierbank neben der Staffelei hat Ulrike Bernard, die Geschäftsführerin des Vereins Haus Steinstraße, Platz genommen. Der Verein organisiert das Projekt „Stadt in der Stadt“. Mitte der 1990er Jahre lernte Ulrike Bernard in Bonn die „Oberkasseler Abenteuertage“ kennen und war begeistert. „Als ich 2005 nach Leipzig zurückkam, nahm ich Kontakt zu einigen Vereinen auf, die jeder für sich ein Ferienspiel organisierten, und fragte: Warum machen wir nicht alle zusammen etwas Großes?“ Dank der guten Ratschläge der hilfsbereiten Bonner Kolleg*innen und der Kooperationsbereitschaft der Leipziger Vereine wurde das große Vorhaben bereits im ersten Jahr ein Erfolg.

„Jedes Jahr legen wir die Latte ein wenig höher“, sagt Bernard. „Erst wurde das Ferienspiel für alle Kinder mit Sozialpass kostenfrei, dann barrierefrei für Helfer und Teilnehmer, dann kamen geflüchtete Kinder und Erwachsene hinzu.“ Eine Schule für Ergotherapeut*innen hat das Ferienspiel in den Lehrplan aufgenommen und führt hier das Praxisprojekt durch. Gefördert durch „Engagement Global“ fand das inklusive Ferienspiel 2018 und 2019 sogar in der äthiopischen Partnerstadt Addis Abeba statt.

Als die Geschäftsführerin Ulrike Bernard vor einigen Monaten die Malerin Winnie im betreuten Wohnen besuchte, dachte sie an das Vorbild, das Winnie sein könnte und die Erfahrungen, die möglich wären: „Weil Menschen ein immer höheres Alter erreichen, werden wir alle zunehmend Menschen begegnen, die sich zum Beispiel kaum bewegen oder verständigen können.“

Eine gehörlose Lehrkraft, zurzeit arbeitslos, hilft als Betreuerin und etliche Kinder freuen sich darauf, von ihr die Gebärdensprache zu erlernen. Ist es gut, dass Menschen mit Behinderung, Flüchtlinge, Alte und Junge bei Stadt in der Stadt dabei sind? „Klar, jeder braucht doch ein Zuhause“, sagt Hannah (10).

Zwei Jugendliche bauen eine Hütte
Foto: Stefanie von Aretin

Nachhaltig ist das Projekt nicht nur durch das Wiederverwenden von Material und Werkzeug. Statt chemischen Wandfarben wird Kreide verwendet, das Essen wird frisch zubereitet, das Wegwerf-Geschirr ist abgeschafft und gegen abwaschbares ausgetauscht, die Öko-Toiletten riechen nach Fichtenholz und Sägespänen. Jedes Jahr werden rund 100 Betreuer*innen geschult. Mehr als 90 Prozent der Helfer*innen wirken ehrenamtlich mit, in ihren Ferien, ihrem Urlaub oder als Unterbrechung von Arbeitslosigkeit. Der Betreuungsschlüssel von einem/r Helfer*in zu drei Kindern trägt dazu bei, dass die Atmosphäre familiär anmutet.

Auch die Kinder, die nicht in den Urlaub fahren, kehren nach den Ferien mit schönen Erlebnissen in die Schule zurück und können erzählen: Sie haben gelernt, wie man ein Haus entwirft und selbst baut, mit anderen Kindern ein Team entwickelt, wie man Skulpturen baut, Schach spielt, kleine Geschenke bastelt, Körbe flechtet, schnitzt, malt, druckt, Verbände anlegt, gesunde Pralinen herstellt, jongliert, tanzt, Reportagen schreibt oder filmt, gärtnert, diskutiert, neue Geräte erfindet, Musikinstrumente baut.

Am vorletzten Tag steht die Luft schwül über der Kinderstadt. Bilder aus geschöpftem Papier trocknen an einer Wäscheleine. Die Stadt ist gewachsen: 30.000 Schrauben, 1.500 laufende Meter Holzbretter, 100 Türscharniere und 300 Meter Balken wurden verbaut. Stolz ragt das Spitzdach der Ninjaburg in den Himmel. Das Krankenhaus hat eine eigene Zufahrt für die Ambulanz. Die Gärtnerei bietet frische Kräuter. Das Traumhaus Nr. 2 ist innen fertig eingerichtet mit Garderobe, Theke, Schrank und Küchentisch.

Um 13 Uhr startet die tägliche Kinderkonferenz. Die Kinder regeln hier das Gemeinwesen. Der Schiedsrichter beim Fußball wurde wegen unfairer Entscheidungen zunächst abgewählt, dann aber nach Streit, Tränen und beleidigten Spieler*innen wieder eingesetzt. Kandidat*innen für die Bürgermeister*innen-Wahl treten auf und erklären, dass sie eine faire Stadt wollen.

Jugendliche bauen eine Hütte
Foto: Stefanie von Aretin

Wie muss die Stadt der Zukunft aussehen? Leo (10) meint: „Wir brauchen ein Fußballstadion, damit es nicht langweilig wird, einen Zirkus und ein Rathaus.“ Sein Freund Fabio (10) hat den Verkehr im Fokus: „Ampeln gibt es nicht mehr. Das macht das Auto komplett automatisch mit einer Kamera und der Fahrer lehnt sich zurück, Rollstühle werden durch Roboter gesteuert und der Kühlschrank füllt sich automatisch mit Limonade.“

In diesen letzten Tagen wird einiges nicht mehr fertig. Hier fehlt noch ein Dach, dort die Brücke, die zwei Häuser verbinden soll. Die Grundfläche für den Hubschrauberlandeplatz war zu klein berechnet, dort steht nun die „Villa Flughafen“. Die anfängliche Aufregung mit immer neuen Ideen hat sich gelegt, der Stolz ist groß und viele Kinder spielen im selbst gebauten Haus. Marie (7): „Mir würde auch in unserem eigenen Haus gefallen, wenn es einen Laden, eine Klapptür und einen Notausgang hätte.“

Infos:
Das inklusive Ferienspiel „Stadt in der Stadt“ ist inspiriert von den „Oberkassler Abenteuertagen“, die bis heute in Bonn stattfinden. Seit 2006 findet das inklusive Ferienspiel unter der Leitung des soziokulturellen Zentrums und Mehrgenerationenhaus „Haus Steinstraße“ in Leipzig statt. Zahlreiche sozio-kulturelle Vereine sind an dem Spiel beteiligt, das unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Burkhard Jung steht. Die Ferienveranstaltung wird u.a. von der Stadt Leipzig, dem Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend, der Leipzig Stiftung und dem Freistaat Sachsen gefördert. Elf Tage lang gehen täglich rund 330 Kinder mit Werkzeug und nachhaltiger Planung um und werden dabei von rund 100 ehrenamtlichen Helfer*innen unterstützt.

Stephanie von Aretin (geb. 1966 in München) lebt und arbeitet als freie Journalistin in Leipzig. Die Politikwissenschaftlerin mit einem Master of Science von der London School of Economics (LSE) hat sich auf Sozialdokumentationen in der Entwicklungszusammenarbeit spezialisiert. www.stephanievonaretin.de