Verletzlich werden

27.08.2019 Von: Inga Zimprich

Zwei Menschen halten einander die Hände
"Would you support me?", Workshop zu Radikaler Therapie | © Feministische Gesundheitsrecherchegruppe / District Berlin, 2018

Herausfordernd, verunsichernd, verletzend – auch so kann der Kulturbetrieb wirken. 2015 gründete sich die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe, um in einer selbstermächtigenden Praxis als Kulturarbeiter*innen gemeinsam zu gesundheitlichen Themen zu arbeiten. Als Antwort auf prekäre Arbeitsverhältnisse, asymmetrische Machtverhältnisse und zahlreiche Ausschlussmechanismen, so berichtet Inga Zimprich, Kulturarbeiterin und Mutter, sind Formate entstanden, die die eigenen Bedürfnisse ins Zentrum rücken.

In unserem ersten Recherchetreffen „Turning Illness Into Weapon“als Feministische Gesundheitsrecherchegruppe besuchten wir 2015 das Feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ) in Berlin. Das Zentrum wurde 1974 gegründet und bietet seither gesundheitliche Beratung für Frauen* an . Dort erhielten wir einen Überblick über die frauen*spezifischen Gesundheitsthemen, zu denen das FFGZ berät, darunter Myome, Wechseljahre, Endometriose, Krebserkrankungen, Kinderwunsch, Menstruationsbeschwerden, Verhütung, Schilddrüsenerkrankungen, Folgen sexueller Gewalt.

Verletzlichkeit verbergen

Während des Besuchs wurde uns bewusst, dass jede* von uns mit mindestens einem dieser Themen und Fragen zu tun hatte und von einigen der geschilderten Symptome betroffen war.[1] Zugleich spürten wir – obwohl wir uns als linke und feministische Kulturarbeiter*innen verorteten und teilweise in persönlich engen Beziehungen zueinander standen – dass unsere Krisen, unsere Krankheiten, unserer Wünsche, die Sorgearbeit, die wir leisteten sogar zwischen uns tabuisiert waren. Zwar teilten wir ein politisches Verständnis von kultureller Arbeit, doch unter uns klammerten wir Fragen nach dem Wohlergehen und den Bedürfnissen unserer Kolleg*innen und Freund*innen aus – als etwas Privates, das unsere Arbeit nicht betraf, oder sogar als etwas, dem wir mit Abwehr begegneten.

Die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe versucht seither in Publikationen, Ausstellungen und Workshops, Raum herzustellen, in dem wir diese Verletzlichkeit zulassen und miteinander teilen können. Dies beinhaltet einerseits, das eigene Betroffensein anzuerkennen und die Gefühle wahrzunehmen, die wir uns selbst als Kulturarbeiter*innen oft nicht eingestehen: unser unterdrücktes Unbehagen angesichts der Arbeitsbedingungen und Ausschlüsse im Kunstfeld, die Angst, Abhängigkeit einzugestehen, die Angst vor mangelnder Absicherung, unsere eigene Scheu vor Auseinandersetzungen und davor, unangenehme Gefühle durchzuarbeiten.

Das gemeinsame verletzlich Werden ist deshalb so bedeutungsvoll, weil wir uns in einem auf Konkurrenz und Wettbewerb basierten Produktionsfeld aufhalten, das vielfältige Ausschlüsse entlang der Kategorien race, Gender, Klasse und Ableismus vornimmt. Für mich als weiße Cis-Frau, Mutter und Kulturarbeiterin, betrifft das gemeinsame verletzlich Werden die Entscheidung, wie viel wir von uns preisgeben oder voreinander verbergen und wie sehr wir die Wirkweisen von Machtverhältnisse auf uns füreinander offenlegen.

Leistungsfähigkeit im Kunstfeld

Im Kunstfeld berichten wir einander über Erfolge, während wir Rückschläge und Absagen unterschlagen. Wir erzählen einander von neuen Vorhaben und Projekten, aber die Angst vor mangelnder beruflicher Perspektive und die Erschöpfung als Resultat unserer beständigen Selbstausbeutung verbergen wir voreinander. Wir haben gelernt, Multitasking, hohe Belastbarkeit, Unabhängigkeit, Ehrgeiz und Egozentriertheit als Eigenschaften anzunehmen, die uns anderen gegenüber Vorteile verschaffen. Wir halten das Ideal künstlerischer Arbeit hoch, während die Ausschlüsse und Arbeitsbedingungen des Feldes diesem Ideal grundlegend widersprechen.

Als wir, in der zweiten Phase der Feministischen Gesundheitsrecherchegruppe, als drei Berlin-basierte Künstler*innen und Mütter kleiner Kinder zusammenarbeiteten, war unsere Arbeitsweise geprägt durch einen veränderten Arbeitsrhythmus, geringere Leistungsfähigkeit, die kurze Aufmerksamkeitsspanne und die wenige Zeit, die uns als Eltern sehr kleiner Kinder zur Verfügung stand.[2] Wir trafen uns wöchentlich zum Arbeiten; parallel spielten wir mit unseren Kindern, während sich die Eine ausruhte und die Andere einen Text formulierte. Plötzlich befand ich mich selbst in einer Lebenssituation, in der ich den vielen naturalisierten Anforderungen des Kunstfeldes nicht mehr entsprechen konnte: Es war mir nicht mehr möglich, entgrenzt zu arbeiten, Nachtschichten einzulegen, kurzfristig, unbezahlt oder für sehr geringe Bezahlung zu arbeiten, abends oder ganztägig Veranstaltungen zu besuchen, Residencies wahrzunehmen oder für Veranstaltungen in eine andere Stadt zu reisen.

Mir wurde bewusst, wie sehr ich mich der Norm maximaler Leistungsfähigkeit, Flexibilität und Produktivität unterworfen und dadurch ein Pensum erfüllt hatte, das sich nur die wenigsten aufgrund ihrer Positionierung und Privilegien leisten können. Das Kunstfeld ist nicht darauf ausgerichtet, mangelnde Unabhängigkeit, Flexibilität und Leistungsfähigkeit aufzufangen oder zu entschuldigen. In der Konsequenz sortiert dieses umkämpfte, prekäre Feld jene aus, die der biopolitischen Norm weiß, jung, gesund, leistungsfähig, unabhängig und finanziell abgesichert nicht entsprechen. Auch strukturelle hetero-cis-normative Bevorzugung spielt eine Rolle in diesen Machtgefällen.

Die Arbeit in der Feministischen Gesundheitsrecherchegruppe ermöglichte es mir, mich langfristig mit verinnerlichten Idealen von Leistungsfähigkeit und Produktivität auseinanderzusetzen. Im Kontext der Sickness Affinity Group[3] erlebe ich andere Modi, Treffen zu organisieren, sich im Kunstfeld gegenseitig zu bestärken, um Unterstützung zu bitten, Zugangsbedürfnisse vorab abzufragen und Raum für die Bedürfnisse aller Beteiligten zu schaffen. In etablierten Institutionen erlebe ich hingegen selten, dass sie offen sind für Menschen, die von ihrer Erschöpfung oder psychischen Krisen berichten.

Selten finden sie ihren Bedürfnissen entsprechende Arbeitszeiten, Bezahlungen, Projektrahmungen und Bedingungen vor, wenn sie andere pflegen oder mit Assistenz arbeiten. Diese Unsichtbarkeit einer Vielfalt von Erfahrungen schafft Räume, die für viele Lebensrealitäten ausschließend wirken oder unzugänglich sind. Weil ich heute andere Erfahrungen mache und mich mit anderen Kulturarbeiter*innen organisiere, nehme ich heute Kunsträume, Akademien, Symposien und Ausstellungen im Hinblick auf ihre Intention wahr: Von wem wurden sie entworfen? Für wen sind sie gemacht? Wessen Bedürfnisse gelten in ihnen als bedeutsam und werden berücksichtigt? Welche Körper gelten als wertvoll und sind willkommen? Wessen Wissen gilt als wertvoll und wird anerkannt?

Machtausübende Räume

Heute achte ich viel genauer darauf, wie diese Räume auf mich selbst wirken und welche Gefühle und Reaktionen sie in mir auslösen. Ungeachtet der Themen, die in solchen, auf vielfältige Weise weißen Räumen verhandelt werden, wirken sie oft disziplinierend auf mich[4]: Automatisch unterdrücke ich körperliche Regungen und senke meine Stimme. Schnell reagiere ich mit Nervosität und Anspannung. Meine Bedürfnisse und Impulse in diesen Räumen kommen mir oft peinlich, irgendwie abwegig oder übertretend vor. Durch diese Anspannung werde ich hart zu mir selbst und hart zu anderen.

Gemeinsam verletzlich Werden bedeutet für mich, mich als Akteurin in diesen Räumen zu begreifen, mich als Körper zu verstehen, auf den und durch den diese Machtverhältnisse wirken, in dem sich diese internalisierten Leistungsprinzipien und ableistischen Arbeitsweisen fortschreiben und unterbrochen werden können. Ich will in diesen Räumen mit meinem Unbehagen, meinen körperlichen Reaktionen, meiner Nervosität, meinem Widerstand, mit meinen Bedürfnissen und Wünschen anwesend sein. Aus dieser Verletzlichkeit heraus werden für mich neue Bündnisse, neue Beziehungen und neue Arbeitszusammenhänge und Räume vorstellbar.

Inga Zimprich nimmt am 15. September 2019 am Panel „Verletzliche Körper“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin teil. Die Diskussion findet im Rahmen der zweitägigen Veranstaltung „Körper lesen!“ statt, die sich mit den vielschichtigen Hintergründen der Wahrnehmung des eigenen und anderer Körper befasst und Wertesysteme, gesellschaftliche Praktiken und Mechanismen, die zu Zuschreibungen, Zwängen und Ausschlüssen führen, reflektiert.

Fußnoten:

[1] Ich spreche hier von „wir“, um anzuzeigen, dass es sich um eine geteilte Erkenntnis von Teilnehmer*innen handelte. Die FGRG hat jedoch keine kohärente Identität und dieses Erleben wurde vermutlich nur von einigen, nicht von allen Teilnehmer*innen geteilt.

[2] 2016 und 2017 arbeiteten Alice Münch, Julia Bonn und Inga Zimprich als festgefügte, berlin-basierte Gruppe zusammen. 2018 und 2019 arbeiten Julia Bonn und Inga Zimprich zusammen.

[3] Sickness Affinity Group (www.sicknessaffinity.org) ist ein loser Zusammenschluss von Kulturarbeiter*innen mit chronischen Krankheiten, Behinderung und Kulturarbeiter*innen, die zu Krankheit/Behinderung arbeiten.

[4] Kenneth Jones und Tema Okun beschrieben 2001 in ihrem Buch „Dismantling Racism: A Workbook for Social Change Groups“, wie weiße Vorherrschaft unsere Arbeitsweise und Gruppenprozesse prägt. Ich wurde darauf aufmerksam über einen* Teilnehmer* des Workshops Roadmap Diversitätsentwicklung von Anja Schütze, 2018, im Rahmen von Diversity Arts Culture, Berlin. Beschreibung White Supremacy Culture auf Englisch

Inga Zimprich ist Künstlerin, Kuratorin und Mutter eines fünfjährigen Kindes. Sie studierte bildende Kunst an der Gerrit Rietveld Academie, Amsterdam, und der Jan van Eyck Academie, Maastricht. 2015 initiierte sie die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe in Berlin, die zu alternativen Fürsorgemodellen und Methoden recherchiert und zu diesen Themen Ausstellungen, Zines und Workshops konzipiert. Im Ausstellungsprojekt Practices of Radical Health Care arbeitet die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe (Julia Bonn/Inga Zimprich) zur Gesundheitsbewegung West-Berlins der 70er und 80er Jahre.