Inklusion durch Design

21.10.2019 Von: Alice Lanzke

HACKademy | Foto: Andi Weiland

Die Open Health HACKademy bringt Produkt- und Designentwickler*innen und Menschen mit Behinderung zusammen. Das Ziel: Die Entwicklung von Open-Source-Hilfsmitteln, die deren Leben und Alltag erleichtern – und das in einem Format, das von anderen nachgebaut werden kann.

Das Kreischen einer Säge, ein ratternder 3D-Drucker und die dumpfen Schläge von Metall auf Metall schaffen eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse in den Werkstätten des Instituts für Berufliche Bildung und Arbeitslehre. Es wird emsig geschraubt, gehämmert und geschweißt – alles im Namen der „Open Health HACKademy“, eines einzigartigen Projekts, das Ende September zum zweiten Mal an der Technischen Universität Berlin stattfand. Zehn Tage lang arbeiteten interdisziplinäre Teams aus Expert*innen und Studierenden unterschiedlicher Fachrichtungen sowie Menschen mit Behinderung gemeinsam an der Entwicklung von Open-Source-Hilfsmitteln, sogenannte „Careables“(https://www.careables.org). Derartige Hilfsmittel haben das Potenzial, Leben und Alltag von beeinträchtigten Menschen enorm zu erleichtern. Im Open-Source-Format sind sie zudem noch potenziell allen Interessierten zugänglich und können individuell angepasst werden. Unterstützt wurden die Teams von erfahrenen Coaches, die etwa aus den Bereichen Programmierung oder Design Thinking stammen.

Eine der Herausforderungen, die bei dieser HACKademy angegangen wurden, ist die Entwicklung eines Fußfahrrads für Sven Kocar. Der selbstständige Inklusionsberater und Fußfotograf hat eine Spastik, eine Schädigung des zentralen Nervensystems, die zu einer beeinträchtigten Feinabstimmung zwischen Muskelanspannung und Muskelentspannung führt. Im Fall von Sven bedeutet dies, dass er mehr Feinmotorik in den Füßen als in den Händen hat. „Ich wünsche mir ein Fahrrad, das ich gut und sicher steuern kann und das nicht nach Sanitätshaus aussieht“, fasst Sven zusammen. In der vergangenen Woche hat sein mehrköpfiges Team daran getüftelt, die spezifischen Anforderungen von Sven zu erfüllen und das gleichzeitig in einem Prozess, der leicht nachgemacht werden kann.

Gespannt beobachtet er nun, wie Schritt für Schritt sein Fahrrad entsteht – noch sieht die Konstruktion eher rudimentär aus: Zwischen zwei Reifen spannt sich ein roter, grob verschweißter Rahmen, an dem Pedale befestigt sind. Ein Hinterrad rundet das Gefährt ab, das statt eines Sattels einen breiten Sitz hat. „Wenn es fertig ist, habe ich die Möglichkeit, Fahrrad zu fahren, was schon lange ein Wunsch von mir ist“, beschreibt Sven. „Das würde mir viel bedeuten.“

HACKademy | Foto: Andi Weiland

Barrierefreie Mobilität

Das Fußfahrrad von Sven ist eines von drei „Cases“, die in dieser Open Health HACKademy gelöst werden sollen. Der zweite kommt von Adina Hermann, die im Rollstuhl sitzt. Sie arbeitet als Grafik-Designerin beim Sozialhelden e.V. (https://sozialhelden.de) und reist sehr viel. Ihr fielen nun die vielen elektronischen Tretroller auf, die auch hierzulande immer öfter im Straßenbild zu sehen sind und gegen eine Gebühr für einzelne Fahrten gemietet werden könnten. Adinas Frage an die HACKademy: Wäre es nicht möglich, derartige E-Scooter und damit eine neue Form der Mobilität auch für Rollstuhlfahrer*innen nutzbar zu machen? Nötig wäre dafür ein Gestell, welches es erlaubt, den jeweiligen Rollstuhl am Scooter zu befestigen und das mit der gebotenen Sicherheit, schließlich können die Roller eine Geschwindigkeit von 20 km/h erreichen.

Bei der öffentlichen HACKademy-Abschlusspräsentation Anfang Oktober kann das Team Erfolg vermelden: Nach verschiedenen Fehlschlägen entwickelte es unter dem Namen „We’ll scoot“ einen Prototyp, der alle Probleme zu lösen scheint. Die klappbare Holzkonstruktion erlaubt es, an unterschiedliche Rollstuhltypen angepasst zu werden, Spanngurte fixieren den Rollstuhl am Roller. Zudem ist das Gestell leicht nachbaubar, die Materialkosten sind mit 15 Euro überschaubar. Tatsächlich realisierte das Team während der Arbeit an „We’ll scoot“, dass Inklusion in dem Fall weniger eine technische als vielmehr eine gesellschaftliche Herausforderung ist: „Sowohl der Gesetzgeber als auch die E-Scooter-Anbieter müssen das wollen“, beschreibt eines der Teammitglieder. So ist zum Beispiel nötig, dass die Scooter langsamer anfahren, damit Rollstuhlfahrer*innen sie nutzen können, gleichzeitig müssten die gesetzlichen Rahmenbedingungen in der Straßenverkehrsordnung für eine entsprechende Nutzung geschaffen werden.

Die technische Machbarkeit hat das Team derweil unter Beweis gestellt: Nach der Präsentation wird die Rollstuhl-Roller-Kombination eifrig und mit Begeisterung vor den Werkstätten getestet.

Co-Creation in inklusiven Teams

Die dritte Herausforderung wurde von Ingenieur Jonas Morgenroth gestellt. Auch er sitzt im Rollstuhl, bei dem alle Funktionen auf einem Joystick liegen. „Und dieser ist nicht ergonomisch, teuer und in der Bedienung nicht intuitiv“, listet Jonas auf. Er erinnert sich, mit dem Joystick an einem Tisch hängengeblieben zu sein – aufgrund der starren Funktionsbelegung der Steuerung konnte er sich nicht ohne Weiteres befreien. Daher wünscht er sich ein Steuerungselement, das nicht nur intuitiver und individualisierbar bedient werden kann, sondern auch ergonomisch geformt und günstiger in der Herstellung ist. Unter dem Namen „Capra Stick“ hat er gemeinsam mit einem vierköpfigen Team an einer entsprechenden Lösung gearbeitet:Die nächste Hürde wird nun sein, den Capra Stick an einen Rollstuhl anzuschließen, also an ein System, das geschlossen ist und nicht auf Open Source basiert. Hier ist die Hilfe von Programmierer*innen, Informatiker*innen, Elektrotechniker*innen und vor allem auch die Bereitschaft der Hersteller gefragt.

Tatsächlich geht es bei der Open Health HACKademy nicht primär darum, fertige Lösungen für die gestellten Herausforderungen zu entwickeln, wie Organisatorin Isabelle Dechamps betont: „Unser Ziel sind Prototypen, die in die Community gegebenund dort weiterentwickelt werden können.“ Sie selbst ist Produktdesignerin und rief 2010 „be able“ (https://be-able.info/de/be-able/) ins Leben, ein „Kreativkollektiv für Inklusion durch Design“, wie es in der Selbstbeschreibung des Vereins heißt. Unter dem Titel „MatchMyMaker“(https://matchmymaker.de) wurden bereits Erfahrungen mit einem Format gesammelt, das „Maker, Menschen mit Beeinträchtigung und weitere kreative Köpfe“ zusammenbrachte und durch die „HACKademy“ stärker konzentriert wird.

Dabei geht es Isabelle und ihren Mitstreiter*innen allerdings nicht nur darum, „Fragestellungen zu beantworten, die noch nicht gelöst sind“, sondern vor allem um die Zusammenstellung der Teams. „Wie funktionieren diese inklusiven Teams? Wie funktioniert Co-Creation? Und wie sieht das Gefälle dabei aus? Das sind die Punkte, die uns interessieren“, so die Produktdesignerin. Ihrer Erfahrung nach gäbe es in solchen Konstellationen ein großes Bedürfnis nach Achtsamkeit: „Gleichzeit treten viele Schwierigkeiten, die man erwartet, gar nicht auf.“ Dennoch sei für die Arbeit in solchen Teams Empathie nötig: „Empathische Menschen sind sehr wichtig für das Team-Management. Und eben nicht nur die harten Skills wie die Fähigkeit, einen 3D-Drucker zu bedienen“ sagt Isabelle. Hier seien vor allem die Teilnehmer*innen stark, die aus den Bereichen Design Thinking, aber auch aus Studiengängen wie Sozialpsychologie und Ergotherapie kämen – ein weiteres Kennzeichen der HACKademies, die intersektional Expert*innen unterschiedlichster Fachrichtungen zusammenbringen.

Eben jene Intersektionalität soll in künftigen Ausgaben der Veranstaltung noch verstärkt werden, erzählt Isabelle: „Wir haben gute Netzwerke, gerade im Bereich Kunst und Design, wollen unsere Fühler aber auch noch weiter Richtung Medizin, Orthopädietechnik und ähnliches ausstrecken.“ Derzeit würden Mittel für eine dritte HACKademy im Sommer kommenden Jahres gesammelt, die eine größere Zahl von „Cases“ bearbeiten soll, die jede*r einreichen kann.

HACKademy | Foto: Andi Weiland

Inspiration für ähnliche Bedürfnisse

Sven Kocars Teilnahme an der HACKademy hat sich gelohnt: Unter großem Applaus fährt er sein Fußfahrrad am Abschlusstag in den Präsentationsraum. Auf die Frage aus dem Publikum, ob ein Anschnallgurt nicht sicherer wäre, antwortet er, dass er diesen nicht wollte, da er ihn nicht selbst hätte benutzen können. Die Grundlage für seinen „abgefahrenen Drahtesel“, wie sein Team sich selbst und das Gefährt getauft hat, war ein Kinderliegerad, das gebraucht online gekauft wurde. „Dann haben wir viel geschweißt und ein neues Lenksystem installiert“, berichtet eines der Teammitglieder. Der gesamte Entwicklungs- und Produktionsprozess wurde online in allen Einzelschritten dokumentiert und ist somit nachvollziehbar. „Das Fußfahrrad baut man nicht genauso nach, sondern kann es als Inspiration für ähnliche Bedürfnisse nutzen“, so das Fazit des Teams. Jene Berücksichtigung individueller Notwendigkeiten zeigt sich bei Sven zum Beispiel darin, dass er das Rad mit seiner linken, kräftigeren Hand steuern kann und die Hauptbremse mit den Füßen bedient wird. Sven selbst ist von der Funktionalität des Fahrrads jedenfalls überzeugt, er will nun zunächst einige Testfahrten absolvieren, um sicherer zu werden. Vor allem freut ihn aber eines: „Das Rad sieht einfach cool aus.“

Mehr Informationen zur Open Health HACKademy unter https://be-able.info/de/projekte/HACKademy/

Alice Lanzke machte ihr Diplom in Politologie in Berlin und absolvierte danach den Aufbaustudiengang Journalismus in Mainz. Seit dem Master 2006 arbeitet sie als freie Journalistin für verschiedene Medien mit den Schwerpunkten Wissenschaft und Kultur. Daneben engagiert sie sich bei den Neuen deutschen Medienmacher*innen für mehr Diversität in deutschen Redaktionen und eine vielfältigere Berichterstattung.