Djelem Djelem – Ein Fest für den Kiez

07.11.2019 Von: Ayşe Kalmaz

Foto: Alexander Völkel

Zum sechsten Mal wurde das Roma*nja Kulturfestival „Djelem Djelem“ in Dortmund gefeiert. Über 30 Partner wirkten mit. An neun Tagen und neun verschiedenen Orten der Stadt waren die Besucher*innen zu einem bunten Programm eingeladen mit Musik, Theater, Film, Tanz, Ausstellungen, Lesungen, Diskussionsrunden und Fachtagungen. Das Festival sorgt nachhaltig für eine beherzte Willkommenskultur in Dortmund.

Donnerstag, 12. September 2019 auf dem Nordmarkt in Dortmund: Sieben Tage die Woche ist dies ein Platz der Lebendigkeit. Dienstags und freitags ist hier Wochenmarkt, an anderen Tagen finden sich Familien mit Kindern ein, sowie viele ältere Menschen, die gerne auf der Bank Sonnenblumenkerne knacken und schwarzen Tee trinken. Die Nordstadt Dortmunds ist gleichzeitig ein Stadtviertel, das bisher oft negative Schlagzeilen machte. Arbeitslosigkeit und Kriminalität sorgen häufig für schlechte Stimmung im Viertel. Heute füllt sich der Nordmarkt mit einer Bühne, mit vielen bunten Ständen und über tausend Besucher*innen, die hier sind, um gemeinsam den sechsten Geburtstag des Roma*nja-Kulturfestivals ,,Djelem Djelem" zu feiern - benannt nach der internationalen Hymne der Roma*nja.

14 Uhr: Der Nachmittag beginnt mit begrüßenden Worten von Bürgermeisterin Birgit Jörder, gefolgt von Kulturdezernent Jörg Stüdemann und Gerda Kieninger, Vorsitzende der AWO Dortmund. Danach wird die Bühne den Roma*nja-Künstler*innen überlassen. Dem Auftritt der Tanzgruppe „Roma*njano Than“ folgen „Lucan & Eduard“, die „Denny Lager Band“ und „Deno Rocks“. Sie sorgen bis 17 Uhr für eine bombastische Stimmung auf dem Platz. Dies ist der Auftakt eines Festivals, das ein Zeichen gegen Vorurteile setzt und aufzeigt, dass ein gemeinsames Miteinander möglich ist.

Dem Eröffnungsfest folgt in den nächsten neun Tagen ein vielfältiges Programm aus Musik, Theater, Film, Tanz, Bildender Kunst und Diskussionsrunden an vielen verschiedenen Veranstaltungsorten in Dortmund. Theaterstücke wie ,,Playhood Theater" und „Heroes“, wie die Ausstellung „Roma Wedding“ und ein Workshop für Fachkräfte sind im Theater im Depot zu Gast. Im Schauspiel Dortmund gibt es feministischen Roma*nja-Rap von Mindj Panther. Der Film „Just the Wind“ wird im sweetSixteen Kino gescreent, Lesungen wie „Innenansichten aus Leben und Kultur der Roma“ und „Die Morgendämmerung der Worte“ gibt es in der Auslandsgesellschaft und im Literaturhaus Dortmund.

Foto: Alexander Völkel

„Wir feiern ein Fest“ für ein Zusammenwachsen im Kiez

Vor etwas mehr als sechs Jahren entstand die Idee für das Festival bei einem Treffen von Mitarbeiter*innen der AWO Dortmund, des Kulturdezernent Jörg Stüdemann und seiner Mitarbeiterin Öykü Özdencanlı. Die AWO mit ihrem Sitz in der Stadtmitte ist seit jeher stark mit den Problematiken in der Nordstadt konfrontiert. „Bis vor einigen Jahren haben hier viele Roma -Familien mit bis zu zehn Kindern in unzumutbaren Zuständen gelebt - hinzu kam die Situation der Drogenabhängigen auf dem Nordmarkt [im Zentrum der Nordstadt gelegen], wofür sich keiner so richtig zuständig gefühlt hat“, sagt Öykü Özdencanli. Es entstand die Frage, was man tun könne, um sowohl die Roma*nja, als auch die anderen Communities im Stadtteil zusammenzuführen, die sonst keinerlei Berührungspunkte miteinander haben. „Wir fragten uns, wie sich diese Lücken füllen lassen könnte, und beschlossen: Wir feiern einen Fest!“

Das erste Festival im Jahr 2014 fand noch in einem relativ kleinen Rahmen mit nur wenigen Veranstaltungsorten statt, wie dem Theater im Depot und der Auslandsgesellschaft am Hauptbahnhof Dortmund. Jahr um Jahr wurde der Rahmen vergrößert, die positive Resonanz der Bürger*innen sowohl im Norden als auch im Süden der Stadt motivierte die Veranstalter*innen.

Wieviel Bedarf es für Gespräch und Dialog gibt, zeigt die Veranstaltung im Helmholtz-Gymnasium: Bei einem Schüler*innen-Talk sprechen eine Lehrerin, ein Theatermacher und ein Anti-Rassismus-Trainer mit jungen Musiker*innen und Roma*nja-Aktivist*innen über die Situation der Roma*nja in Dortmund. Es ist eine freiwillige Veranstaltung und über 130 Schüler*innen nehmen teil. Sie haben viele Fragen und sprechen ihre Vorurteile offen aus. Die jungen Menschen erzählen von ihren Erfahrungen bei einem Polizeieinsatz vor einigen Wochen, als es großen Streit gab zwischen einer arabischen Familie und einer Gruppe von Roma*nja-Kids. Dies führte zu großem Unmut. Dennoch konnten alle Ressentiments im Gespräch mit den Jugendlichen ausgeräumt werden.

Das Festival „Djelem Djelem“ macht mit seinem vielfältigen Programm nicht nur die facettenreiche Roma*nja-Kultur sichtbar und bringt unterschiedliche Communities zusammen, sondern es geht noch weit darüber hinaus: Viele Menschen aus der Roma*nja-Community der Nordstadt sind fester Bestandteil des Organisationsteams und gestalten das Festival mit. „Das hat mehrere Vorteile. Zum einen die der Beteiligung an sich, zum anderen entstehen durch die Zusammenarbeit zwischen der Community und den Sponsoren und Unterstützern des Festivals nachhaltige Zukunftsperspektiven für viele Menschen“, sagt Öykü Özdencanlı.

Elena Preduca aus dem Organisationsteam zum Beispiel ist mittlerweile beim Jugendamt Dortmund angestellt, Hasan Azadi bekam eine Stelle bei einem der Sponsoren Grünbau und betreut die Häuser in der Nordstadt. Der Sponsor EDG stellte über 20 Leute ein, womit sich das Problem der Verschmutzung in der Nordstadt löste. Einige Frauen nahmen an Deutschkursen und Schulungen teil und wurden in Ganztagseinrichtungen eingestellt. So wurden aus Sponsoren und Geldgebern nachhaltige Partner*innen, Arbeit- und Wohnungsgeber*innen.

„Wir arbeiten nicht defizitorientiert“

Frau Özdencanlı betont, dass es keine Chance gibt, an die Wurzeln von Problemen zu gelangen, ohne die Menschen aus der Community zu beteiligen, die gleichzeitig ein Sprachrohr für die Wünsche und Sorgen der Leute vor Ort sind. Das schafft nachhaltig Vertrauen und fördert das Zusammenwachsen.

Ein weiteres Beispiel für das Verbindende innerhalb der Stadtgesellschaft ist die Entstehung der Tanzgruppe „Romano Than“, mit der gleich am ersten Tag des Festivals die Stimmung auf dem Höhepunkt war. Übersetzt heißt Romano Than „Das Haus der Roma*nja“. Das Dietrich Keuning-Haus im Dortmunder Norden bot an zwei Tagen in der Woche Räumlichkeiten zum Kochen und Musikspielen an. Schnell sprach sich das herum unter den Familien im Kiez. Später reichte das Angebot von Hausaufgabenhilfe bis hin zu Plätzchenbacken vor Weihnachten. Nach und nach entstand die Idee für eine Tanzgruppe, in der sich alle engagieren wollten. Einige Mütter nähten die Kostüme und die anderen waren damit beauftragt, die Kids zur Probe oder zu den Auftritten zu bringen. Mittlerweile hat die Tanzgruppe über das Festival „Djelem Djelem“ hinaus Auftritte an den verschiedensten Orten der Stadt.

Wie unterscheidet sich die Strategie bei der Integration der Roma*nja Communities von denen anderer Städte Nordrhein-Westfalens?

„Wir arbeiten nicht defizitorientiert. Wir versuchen, die Bereicherungen zu sehen und sichtbar zu machen“. sagt Öykü Özdencanlı.

2017 war „Djelem Djelem“ Preisträger des Bundeswettbewerbs „Aktiv für Toleranz und Demokratie“. Deutschlandweit wurde die Stadt Dortmund für den Umgang mit der Roma*nja Community als Vorzeigebeispiel gezeigt. „Wir werden oft zu Konferenzen, auch in Berlin, zum Thema Antiziganismus eingeladen“.

Zur Frage nach der Resonanz bei den deutschen Communities in anderen Stadtteilen sagt sie: „Die Begeisterung war immer da, aber es lag daran, dass die Roma*nja-Community zu ihnen gegangen ist und nicht umgekehrt. Wir haben vor dem Festival in der Innenstadt Flyer-Aktionen gemacht. Die Erfahrung der Verteiler*innen war leider, dass viele Menschen die Flyer nicht annehmen wollten, sobald sie das Wort ,Roma ‘ hörten“. Auch das ist Teil der Realität.

Am Freitag, den 20. September feiert das Festival im Domicil seinen Abschluss mit einem Flamenco-Abend mit Rafael Cortes. Es ist fast ausverkauft mit über zweihundert Gästen im Saal. Die am Anfang ruhigere und traurige Musik steigert sich und wird immer einladender zum Tanzen. Die Mitglieder der Tanzgruppe „Romano Than“ sind die ersten, die aufstehen. Mit bombastischer Stimmung im Saal findet das Festival seine Krönung.

Mehr Zusammenhalt in Dortmund

Das Festival hat das Zusammenleben in der Stadt vor allem durch seine Regelmäßigkeit nachhaltig verändert. Auch im nächsten Jahr können sich die Besucher*innen auf ein buntes Programm freuen; am Donnerstag, 20. August 2020 startet das Festival wieder mit einem Familienfest auf dem Nordmarkt „Es wird im nächsten Jahr grösser und zentraler präsent sein, viele Veranstaltungen werden direkt in der Innenstadt stattfinden. Ziel ist, dass sich in der Mehrheitsgesellschaft eine Selbstverständlichkeit dafür entwickelt, dass die Roma*nja zum Bild unserer Stadt gehören“, sagt Öykü Özdencanlı und macht einen starken Punkt mit ihrem letzten Satz: „Wenn wir schon sagen, dass wir bunt sind, dann müssen wir auch bunte Röcke mögen“.

„Djelem, djelem“ wird jährlich von der AWO Dortmund, Stadt Dortmund, Theater im Depot, Romano Than e.V. und Carmen e.V. ausgerichtet. Die Förderungen für ,,Djelem Djelem" sind durch das Kulturbüro der Stadt Dortmund, Regional Verband Ruhr, LAG Soziokultur NRW, EDG Dortmund und Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW gesichert.

Der in diesem Text verwendete Begriff „Roma*nja“ ist die Gender-neutrale Form des Begriffs „Roma“. Seit dem ersten Internationalen Romani Kongress ist „Roma“ (Einzahl, männlich: Rom; Einzahl, weiblich: Romni; Mehrzahl, weiblich: Romnja) die offizielle Selbstbezeichnung. Quelle: Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V.

Ayşe Kalmaz ist Regisseurin und Autorin, geboren in Izmir. Neben ihrer Mitwirkung an Fernseh- und Kinodokumentationen realisierte sie in der Vergangenheit verschiedene Kunst- und Medienprojekte mit Jugendlichen, so z.B. das Videokunstprojekt „Erzählwellen“ (mit Ausstellungen in Dortmund und Istanbul). 2015 stellte Ayşe Kalmaz ihren ersten Kino-Dokumentarfilm „Dügün – Hochzeit auf Türkisch“ gemeinsam mit dem Dokumentarfilmemacher Marcel Kolvenbach 2015 fertig. Im Jahr 2016 entstand in Zusammenarbeit mit Kolvenbach das Dokumentarfilmprojekt „OMO“ zum Thema Flüchtlinge sowie „Das verlorene Paradies“, ein Projekt mit jugendlichen Geflüchteten aus Syrien. Seit 2017 realisiert sie mit dem Parkwerk e.V. erst das Projekt „Lohberg 46“ , dem „das Wunder von Lohberg“ folgte. Aktuell arbeitet sie an dem künstlerisch interdisziplinären Projekt „Download Future“ am Theater Dortmund und dem Filmprojekt „Perspektivwechsel“.