„Jüngere Menschen zu erreichen, ist am wichtigsten“

29.01.2020

Porträtbild von zwei Jugendlichen, die auf einer Mauer sitzen
Jasper Dombrowski und Linus Bade | Foto: Kathleen Dietz/DKJS

Jasper und Linus setzen sich mit ihrem „Handicap-Lexikon“ für mehr Respekt gegenüber Menschen mit Behinderung ein und fordern für alle eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Dafür nutzen sie nicht nur ihre Internetplattform, sondern bieten auch Workshops und Vorträge in Schulen an.

Die Website „Handicap-Lexikon“ existiert bereits seit mehr als vier Jahren. Wieso habt ihr das Projekt damals gegründet?

Jasper: Die Idee einer Webseite, die über verschiedene Behinderungen aufklärt, kam von meinem Freund Linus. Er hatte bestimmte Bemerkungen von Kindern und Erwachsenen einfach satt und wollte für Aufklärung sorgen. Dazu muss man sagen, dass wir beide zwar eine körperliche Behinderung mit Sprach- und Gleichgewichtsproblemen haben, diese uns aber anderweitig nicht einschränkt.

Linus: Mich haben die Blicke, das Nachahmen und Fragen wie „Warum spricht er so komisch?“, „Kann der nicht laufen?“, oder diese Unterstellung, dass behinderte Menschen nicht klar denken können, genervt. Mir fiel auf, dass die Fragen gar nicht abwertend gemeint waren, sondern diese Menschen einfach nicht genug wissen. Das wollte ich ändern.

Ein wichtiger Teil der Website ist ein Online-Fragebogen, der Menschen mit und ohne Behinderung ausfüllen und über ihre Erfahrungen berichten können. Welche Antworten habt ihr erhalten?

Linus: Sehr viele unterschiedliche. Manche schreiben in Stichpunkten, andere eine ganze Geschichte. Für mich sind die Antworten unheimlich wertschätzend. Dass Menschen ihre persönlichen Erfahrungen auf einer öffentlichen Website teilen und uns damit an ihrer persönliche Lebensstory teilhaben lassen, ist nicht selbstverständlich. Das bedeutet mir sehr viel.

Jasper: Am Ende des Fragebogens gibt es außerdem noch ein Feld: „Das möchte ich unbedingt noch los werden“. Dort schreiben viele Menschen mit und ohne Behinderungen sowas wie: „Es ist eine super tolle Webseite und Idee. Weiter so.“ Das bestärkt uns natürlich sehr und wir nehmen es gerne zum Anlass, weiter zu machen und die Webseite weiter auszubauen.

Wieso haben viele Menschen Vorurteile, wenn es um das Thema „Behinderung“ geht?

Jasper: Ich vermute, dass viele Menschen erstmal nicht viele Menschen mit Behinderungen kennen und Menschen mit Behinderungen einfach anders sind. Leider wird „anders sein“ bei uns nicht als positiv wahrgenommen – genau wie beispielsweise bei Flüchtlingen. Das ist sehr schade, weil Menschen mit Behinderungen oder mit Migrationshintergrund natürlich auch gute Arbeit machen und Spaß haben können.

Linus: Ich denke, es liegt an der nicht vorhandenen Aufklärung. Nirgends wird darüber gesprochen. Meiner Meinung nach sollte dieses Thema, neben anderen wichtigen Themen, schon in der Schule angesprochen werden, es muss Projekttage mit Betroffenen geben. Ein Beispiel: Wir waren zwei Tage an einer Schule und haben am ersten Tag einen Vortrag gehalten. Man merkte, dass die Schülerinnen und Schüler sehr unsicher waren und sich kaum getraut haben, etwas zu sagen. Am zweiten Tag sollten sie dann ein Video drehen, in dem eine Szene dargestellt wird, in der wir mitspielen. Nach ein paar Anlaufhilfen haben sie diese Szene selbständig entwickelt. Daran konnte man erkennen, wie wir schnell ein völlig anderes Bild vermitteln und damit Vorurteile abbauen konnten.

Ihr kümmert euch nicht nur um die Website, sondern ladet auch Filme über euren Alltag auf Youtube hoch und betreut einen Facebook- und Twitter-Kanal. Wie wichtig sind diese digitalen Medien für eure Aufklärungsarbeit?

Jasper: Sie sind unverzichtbar. Durch die digitalen Medien erhalten wir die nötige Aufmerksamkeit für unsere Arbeit. Außerdem kann man mit digitalen Medien zwischendurch schnell etwas posten oder eine Anfrage beantworten. Da es auch Menschen gibt, die leider nicht so fit sind, sind digitale Medien wichtig, um alle erreichen zu können und anderen Mut zu machen.

Linus: Digitale Medien sind deutlich verbreiteter und so können wir gerade auch jüngere Menschen erreichen, die sind die wichtigsten. Zudem sind digitale Medien deutlich inklusiver und schließen damit weniger Menschen aus.

Welche Rolle spielen digitale Medien oder Technologien im Allgemeinen, um Barrieren im Alltag abzubauen?

Linus: Gerade für Menschen mit Behinderung sind heutige Technologien eine echte Bereicherung. Für viele ermöglicht dies erst Kommunikation und fördert so die Selbstbestimmung. Selbst entscheiden, was man kauft, was man bestellt, mit wem man spricht, stärkt das Selbstwertgefühl enorm.

Jasper: Für mich sind digitale Medien ein Kommunikationsmittel, da ich aufgrund meiner Behinderung nicht richtig sprechen kann. Zum Beispiel habe ich ein iPad mit einer App, wo ich etwas aufschreiben kann und das iPad das Geschriebene dann in Sprache wiedergibt. Unverzichtbar sind natürlich auch ein Handy mit SMS und Mail.

Wie könnten digitale Technologien dabei helfen, Kultureinrichtungen (wie ein Museum) inklusiver zu machen, damit sie niemanden mehr ausschließen?

Linus: Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Objektbeschreibungen per App/Tastobjekte für Blinde. VR-Brillen, die einen digitalen Rundgang ermöglichen, für Menschen die nicht lange stehen können. Höhenverstellbare Beschreibungen für kleine Menschen. Am wichtigsten ist es, mit betroffenen Menschen von Beginn an zusammen zu planen.

Jasper: Einige Museen machen ja schon viel, zum Beispiel die Berlinische Galerie mit einer App mit Bildbeschreibung und Übersetzung in Gebärdensprache. Aber natürlich müsste es auch mehr Plätze für Rollstuhlfahrer geben. Wir haben die Selbsthilfegruppe „Rad ab!“ für junge Menschen mit Behinderungen gegründet. Einmal wollten wir mit den Teilnehmern ins Kino gehen. Allerdings waren wir zu viele Rollstuhlfahrer, so dass sie uns nicht in das Kino gelassen haben – denn das Kino war nur für zwei Rollstühle ausgelegt. Oft machen kleine aber wichtige Details den Unterschied. Solange diese kleinen Sachen nicht besser werden, ist Deutschland noch weit von kompletter Inklusion entfernt. Wir versuchen, diese Situation mit unserem Projekt anzugehen und zu verbessern.

(Fragen: Ralf Rebmann/Redaktion)

Das Handicap-Lexikon wurde im Jahr 2018 mit dem Preis "Respekt gewinnt!" des Berliner Ratschlag für Demokratie ausgezeichnet. Mehr Informationen zu Workshops und Vorträgen, die von Linus und Jasper angeboten werden, gibt es hier.

Linus Bade (19) und Jasper Dombrowski (24) haben das Handicap-Lexikon 2015 gegründet. Jasper arbeitet seit seiner Ausbildung zum Mediengestalter im Oktober 2016 als Grafiker beim Berliner Behindertenverband und der Berliner Behindertenzeitung. Linus absolviert derzeit eine Ausbildung zum Mediengestalter. Beide haben seit ihrer Geburt eine Cerebralparese. Neben ihrem Einsatz für das Handicap-Lexikons treiben sie in ihrer Freizeit viel Sport und widmen sich unter anderem dem Race Running.