„Welche Realitäten wollen wir abbilden?“

10.02.2020

Zwei Personen im Porträt, lachend
Gesellschaftliche Vielfalt abbilden. Ein Beispiel aus der Fotodatenbank Gesellschaftsbilder.de l Foto: Daniela Buchholz

Der Einsatz stereotyper Bilder und Fotos prägt unsere Wahrnehmung mehr, als uns bewusst ist. Die Fotodatenbank Gesellschaftsbilder.de will eine Alternative bieten, indem sie neue und inklusive Perspektiven zur Verfügung stellt. Ein Interview mit Andi Weiland, Fotograf und Mitbetreiber des Projekts.

Der Rollstuhl dient oft als Symbol, um Themen wie „Behinderung“ oder „Inklusion“ zu bebildern. Was ist daran problematisch?

Andi Weiland: Problematisch ist, dass der Rollstuhl als Stellvertreter für viele unterschiedliche Behinderungen herhalten muss. Durch die häufige Sichtbarmachung eines einzigen Hilfsmittels werden viele andere Behinderungen ausgeblendet. Außerdem führt der stereotype Einsatz solcher Bilder dazu, dass der Rollstuhl an sich als Defizit und Problem wahrgenommen wird, nicht aber der Kontext, in dem wir uns bewegen. Wir definieren „Behinderung“ folgendermaßen: Nicht der Rollstuhl ist die Behinderung, es sind die Barrieren, mit denen die Rollstuhlfahrer*innen tagtäglich konfrontiert werden. Und schließlich kommt noch eine technische Komponente dazu: Bildredaktionen nutzen oft Fotos, meist aus Fotodatenbanken, die gar keinen Menschen mit echten Behinderungen zeigen, sondern Models ohne Behinderung, die für den Fotoshoot in Rollstühle gesetzt wurden. Dass diese Bilder nicht authentisch sind, merken Rollstuhlfahrer*innen relativ schnell.

Frau im Skatepark mit Helm und Rollstuhl
Lisa Schmidt, Wheelchairskaterin | Jörg Farys, Gesellschaftsbilder.de

Ein weiteres Beispiel für klischeebeladene Bildsprache ist das Kopftuch.

Dieses Motiv begegnet uns oft im Kontext von Migration, Flucht oder Integration. Teilweise wird nur das Kopftuch dargestellt, ohne dass wir das Gesicht der Person sehen. Eine solche Anonymisierung erzeugt einerseits eine gewisse Bedrohlichkeit, andererseits verfestigt sich damit ein Klischee, das total verallgemeinert: Jede Person, die Kopftuch trägt, hat einen Migrationshintergrund. Die Realität ist allerdings, dass es sehr viele Menschen gibt, die in Deutschland geboren sind und Kopftuch tragen – und dabei weder migriert noch geflüchtet sind.

Beim Kopftuch kommt schließlich noch der negative Diskurs hinzu. Über die Jahre hinweg wurde es immer wieder mit als negativ wahrgenommen Themen in Verbindung gebracht, die „Kopftuchdebatte“ oder Diskussionen über sogenannte Leitkultur. Für einzelne Kopftuchtragende kann das eine sehr problematische Situation sein. Aus meinem eigenen Bekanntenkreis weiß ich, dass einige das Kopftuch in Deutschland abgenommen haben, weil sie den öffentlichen Blick darauf nicht mehr ertragen konnten. Dies ist nicht zuletzt ein Resultat von stereotyper Bildsprache.

Unterschätzen wir den Einfluss von Fotos?

Das Interessante an Bildern ist ihre unmittelbare Wirkung – einen Text müssen wir erst einmal durchlesen. Wie die Motive schließlich bei uns ankommen, hängt von vielen Faktoren ab. Sogar die Sprache, genauer gesagt die Leserichtung unserer Sprache, kann beeinflussen, wie wir Bilder wahrnehmen. Gleichzeitig haben es die Fotograf*innen selbst in der Hand, welche Aspekte des Motivs sie ausblenden oder sogar digital retuschieren. Wir müssen uns alle die Frage stellen, welche Realitäten wir abbilden wollen – oder besser gesagt, welche Realitäten unserer Gesellschaft, welches Gesellschaftsbild.

Porträtfoto Frau mit geschlossenen AUgen
Barbara Fickert, auch bekannt durch ihr Projekt "Blindgängerin"| Foto: Nick Jaussi, Gesellschaftsbilder.de

Und diesbezüglich gibt es ganz unterschiedliche Auffassungen. Ich erinnere an eine Werbekampagne der Deutschen Bahn, die verschiedene Personen, darunter People of Colour und Schwarze Menschen, dargestellt hat. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer fragte anschließend in einem Facebook-Post, welche Gesellschaft diese Kampagne eigentlich abbilden sollte. Wir alle sind mit einer gewissen Bildsprache aufgewachsen. Doch unsere Gesellschaft ist sicherlich vielfältiger, als sich Boris Palmer das wünscht. Und diese Vielfalt müssen wir abbilden.

Wieso passiert es weiterhin, dass Bildredaktionen zu stereotypen Motiven greifen?

Nicht alle Bildredaktionen besitzen den Mut, neue Bilder zu kreieren und sie auch zu veröffentlichen. Es herrscht teilweise die Vorstellung, dass Bilder die Betrachter*innen nicht überfordern dürfen. Ein weiterer Grund findet sich im Arbeitsprozess: Ein Journalist liefert einen Beitrag, die Bildredaktion muss ein Bild finden, das dazu passt. Oftmals bleiben als Alternativen große Bilddatenbanken wie Picture Alliance oder Getty Images, die eine Auswahl von mehreren Millionen Bildern zur Verfügung stellen. Sucht man dort nach „Behinderung“ erhält man an erste Stelle oft Bilder mit Rollstühlen. Der Gedankengang der Redaktion, die vermutlich unter Zeitdruck steht, sieht dann wahrscheinlich so aus: Das Bild passt ins Layout, Rollstühle und Behinderung gehören zusammen. Damit ist die Aufgabe schnell erledigt. Gleichzeitig sorgen die Algorithmen der Datenbanken dafür, dass oft heruntergeladene Fotos an vorderster Stelle landen.

Schüler*innen sitzen um einen Tisch und lachen, reden. Sie sitzen auf Stühlen oder in einem Rollstuhl
Schüler*innen der inklusiven Sophie-Scholl Schule in Berlin | Foto: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Man kann hier also nicht einmal einen bösen Willen attestieren, es fehlt eher an Mut und an Menschen, die sich Zeit nehmen, nicht den direkten und einfachen Weg zu gehen. Leider ist die Diskussion über stereotype Bilder und was sie aussagen ein Nischenthema. Taucht ein Rollstuhl als Klischee in der Tagesschau auf, stört sich kaum jemand daran, denn die Mehrheit der Zuschauenden ist nicht davon betroffen. Die Kritik derjenigen, die es betrifft, muss erst einmal zu den Redaktionen gelangen.

Wie versucht die Fotodatenbank Gesellschaftsbilder.de ein alternatives Angebot zu machen?

Die Fotodatenbank wird vom Verein Sozialhelden e.V. getragen, der sich unter anderem für eine diskriminierungsfreie Darstellung von Themen wie Inklusion und Behinderung in der Öffentlichkeit stark macht. Bei den Sommer-Paralympics 2016 in Rio de Janeiro haben wir uns gefragt, wie wir das Thema Behinderung mit authentischen Fotos darstellen können. So entstand die Idee für die Plattform. Mit „authentisch“ meinen wir, dass auf Fotos in unserer Datenbank die Models als Expert*innen in eigener Sache auftreten.

Eine Person mit Sehbehinderung ist auch wirklich sehbehindert und hat die Aufgabe – zusammen mit der Fotografin oder dem Fotografen – ein Bild zu entwickeln. Es sollen Fotos entstehen, die einerseits professionell gemacht sind und so in Bildredaktionen verwendet werden können. Andererseits sind sie das Resultat einer engen Zusammenarbeit mit den dargestellten Personen. Aus diesem Prinzip ist eine Fotodatenbank entstanden, die inzwischen fast 3.000 Bilder zu unterschiedlichen Themen enthält.

Zwei Personen spielen Basketball im Rollstuhl
Szene während der ZA-DONK! Rollstuhlbasketball WM 2018 in Hamburg | Foto: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Wie wird die Datenbank angenommen?

Das Feedback ist sehr gut. Größere Medien wie Zeit Online, die Süddeutsche Zeitung und auch die tageszeitung nutzen Fotos der Datenbank. Mehrere Vereine und Organisation haben Bilder für ihre Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt. Mittlerweile erhalten unsere Fotograf*innen Aufträge, um Projekte zu begleiten. So zum Beispiel von der Berliner Agentur VisitBerlin, die das Thema barrierefreies Reisen in Berlin mit uns fotografisch umgesetzt hat. Unser großes Ziel ist allerdings ein anderes: Wir wollen Bilder schaffen, die eben nicht nur spezifisch für den Bereich Barrierefreiheit oder Inklusion interessant sind – sondern für alle Kontexte.

Nehmen wir an, ich suche eine Szene zum Thema Nachtleben in einer Berliner Kneipe. Es sollte völlig normal sein, dass sich auf einem passenden Bild auch eine Person im Rollstuhl befindet, ohne dass die Behinderung selbst zum Thema wird. Oder stellen wir uns eine Anzeige für eine Rentenversicherung vor, die zum Beispiel ein homosexuelles Paar oder einer Regenbogenfamilie zeigt. Diesbezüglich muss Deutschland im Vergleich zu englischsprachigen Ländern noch deutlich aufholen. Wir merken aber, dass das Verständnis für inklusive Bildsprache steigt und sie nicht mehr grundlegend in Frage gestellt wird.

Fragen: Ralf Rebmann/Redaktion

Die Fotodatenbank Gesellschaftsbilder.de wurde 2016 vom Verein Sozialhelden e.V. ins Leben gerufen. Im Dezember 2018 organisierten die Sozialhelden zusammen mit den Neuen deutschen Medienmacher*innen und dem Lesben- und Schwulenverband (LSVD) den Workshop „Voll im Bild?! Workshop für diskriminierungsarme Bildberichterstattung.“ Die Ergebnisse sind unter folgendem Link abrufbar.

Andi Weiland hat in Münster und Klausenburg (Rumänien) Politikwissenschaft und Kommunikation studiert und arbeitet seit über zehn Jahren für verschiedene Vereine und NGOs an Projekten und in der Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2011 ist er Pressesprecher bei den Sozialhelden e.V. und arbeitet an verschiedenen Projekten wie Leidmedien.de und Gesellschaftsbilder.de mit. Neben seiner Tätigkeit bei den Sozialhelden arbeitet er als freier Fotograf.