„Es ist noch enorm viel zu tun“

Von: Berkan Cakir

Öffentlicher Platz in Stuttgart mit hunderten Zuschauer*innen, in der Mitte eine Bühne
Sommerfest der Kulturen in Stuttgart, Juli 2017 | Foto: Michael Haussmann

Das Forum der Kulturen betreut seit 1998 migrantische Vereine in Stuttgart und ganz Baden-Württemberg. Im Interview spricht der Geschäftsführer Rolf Graser über die Frage, warum gesellschaftliche Teilhabe für Migrantenorganisationen noch immer schwierig ist, und wie die Zusammenarbeit mit Kulturämtern verbessert werden kann.

Herr Graser, welche Idee hat zur Gründung des Forum der Kulturen geführt?

Damals haben sich 16 Migrantenvereine zusammengeschlossen und das Forum der Kulturen gegründet, weil sie in der Öffentlichkeit kaum oder gar nicht wahrgenommen wurden. Da ging es um Fragen der Sichtbarkeit und Chancengleichheit. Wir wollten im Grunde eine Lobby für Migrantenvereine, die mit Aktivitäten wie Festivals und eigenen Zeitschriften die kulturelle Vielfalt in der Stadt sicht- und erlebbar macht. Zum anderen ging es aber auch um Empowerment. Wir wollten das bürgerschaftliche Engagement der migrantischen Vereine stärken und sie mit den etablierten städtischen Einrichtungen vernetzen.

Zwei Jahre nach der Gründung kam die Debatte um die sogenannte deutsche Leitkultur auf. Wie hat sich das auf das Forum der Kulturen ausgewirkt?

So etwas wie eine deutsche Leitkultur, also die Vorstellung davon, was kulturelle Normalität sein soll und wer die Deutungshoheit darüber hat, war davor schon immer latent vorhanden. Das rückte nur in den Medien plötzlich in den Fokus. Viel kritischer waren die Anschläge des 11. September 2001. Danach wurden die alten Feindbilder neu justiert und alles Orientalische und Muslimische stand unter einem Generalverdacht, was die Diskriminierung hierzulande verstärkt hat.

Die Debatte um die „deutsche Leitkultur“ kocht aber immer wieder auf. Haben Sie da nie einen Einfluss in Ihrer Kulturarbeit gespürt?

Doch, wenn ich an Kultureinrichtungen denke, spürt man das durchaus. Es ist leider so, dass viele migrantische Produktionen im Kulturbereich nicht für vollwertig genommen werden und es eine Hierarchisierung seitens der etablierten Institutionen gibt. Oft werden sie gar nicht erst in Betracht gezogen, nicht zuletzt, wenn sie eine andere Ästhetik verkörpern. Wir hatten mal eine italienische Theatergruppe, die in einem der Stuttgarter Theater auftreten wollte. Das wurde dann als billiges Volkstheater abgetan. Oder es kam auch mal ein mongolisches Kinderensemble, das in der Mongolei hoch angesehen war, und spielte auf einer der hiesigen Bühnen. Die Intendantin war völlig entsetzt von dem Stück, das war für sie ‚unterste Schublade‘. Den Eltern und vor allem den Kindern, die zugeschaut haben, hat es gefallen.

Hat sich die Ausgangslage für migrantische Vereine in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Ja, ich denke schon. Das fängt damit an, dass alle Parteien, inklusive der CDU, Deutschland mittlerweile als Einwanderungsland sehen. Migration wurde vor zwei Jahrzehnten ganz anders diskutiert, das war damals eher etwas Exotisches. Heute ist klar, dass es zu Deutschland gehört. Selbst in den politischen Ämtern oder in den Medien finden sich zunehmend nun auch Menschen mit einer Migrationsgeschichte. Und zumindest dort, wo migrantische Dachverbände wie das Forum der Kulturen arbeiten, werden Migrantenvereine auch stärker wahrgenommen.

Sie haben vor kurzem eine Handlungsempfehlung für die Stärkung der Kulturarbeit von Migrantenorganisation herausgegeben. Wie kann so ein Papier den Vereinen weiterhelfen?

Die Handlungsempfehlung richtet sich an die Dachverbände von Migrantenorganisationen. Sie ist ein Ergebnis davon, dass sich viele Vereine an uns wenden und Rat suchen, wie ihre Kulturarbeit besser wahrgenommen und besser gefördert werden kann. Die meisten sind klein. Vielen mangelt es an Erfahrung, wenn es beispielsweise darum geht, sich für eine Projektausschreibung zu bewerben oder angemessene Räumlichkeiten zu finden. Mit diesen Handlungsempfehlungen wollte das Forum der Kulturen seine mehr als 20-jährige Erfahrung in der Kulturarbeit allgemein zugänglich machen.

Läuft man mit so einer Handreichung nicht auch Gefahr, paternalistisch zu wirken?

Sollte das so sein, wäre es fatal. Doch die Gefahr eines Machtgefälles besteht bei jeder Beratertätigkeit, das ist uns bewusst, nicht zuletzt wenn wir auch über finanzielle Zuschüsse entscheiden. In der Praxis versuchen wir, das Gefälle aufzulösen und unsere alltägliche Arbeit mit den Vereinen partizipativ zu gestalten. Wir sind nah dran, zehn Mitarbeiter*innen stehen tagtäglich im engen Kontakt mit den Vereinen. Die Interessen der Menschen in den Vereinen stehen im Fokus unserer Arbeit. Auch unser Vorstand, der die Linie des Forums der Kulturen bestimmt, besteht ausschließlich aus Vertreter*innen migrantischer Vereine.

Kommen die Vereine nicht auch deshalb auf sie zu, weil sie sich von den Ämtern nur unzureichend beachtet fühlen?

Ja, viele Ämter, natürlich auch Kulturämter, nehmen migrantische Vereine in der Regel weniger wahr als zum Beispiel einen klassischen Blasorchesterverein. Einerseits sind deutsche Vereine besser vernetzt. Andererseits spielen Benachteiligung und struktureller Rassismus eine Rolle. Auch daran arbeiten wir.

Inwiefern?

Wir haben gleichzeitig eine Handlungsempfehlung für Kultureinrichtungen veröffentlicht. Sie müssen sich kulturell öffnen und mehr mit migrantischen Vereinen kooperieren – dabei kann interkulturelles Training helfen. Es geht aber auch um die Diskriminierung migrantischer Akteur*innen innerhalb etablierter Verbände und Gremien. Einer unserer Mitarbeiter beispielsweise sitzt als einziger Dunkelhäutiger in einem recht repräsentativen Gremium. Doch er berichtet immer wieder, dass er sich dort nicht wirklich ernst genommen fühlt und sich als „Alibimigrant“ vorkommt. Wenn du das ein oder zwei Mal erlebst, überlegst du dir, ob du dir das noch länger antun willst. Auch daran arbeiten wir.

Vertreter*innen migrantischer Vereine scheinen zwar wahrgenommen zu werden. Aber würden Sie von einer wirklichen Teilhabe sprechen?

Eine wirkliche Teilhabe auf Augenhöhe gibt es noch lange nicht. Doch früher gab es überhaupt keinen Austausch, geschweige denn Teilhabe. Die Kommunen kannten die migrantischen Vereine nicht einmal. Heute kann zumindest in einigen Bereichen ansatzweise von Teilhabe geredet werden. Vor 30 Jahren war es zum Beispiel undenkbar, dass migrantische Fußballmannschaften in einem deutschen Verband spielen. Mittlerweile haben wir hier in Stuttgart sogar Kooperationen von migrantischen Vereinen mit der Oper. Oder in der Entwicklungspolitik, da arbeiten Vertreter*innen von Migrantenvereinen inzwischen recht eng mit entsprechenden klassisch deutschen Verbänden zusammen.

Provokant gefragt: Wiederlegt das Aufkommen von Pegida und AfD nicht ihre Arbeit?

Im Gegenteil. Man könnte eher sagen: ein Grund für das Erstarken von Pegida und AfD ist der Umstand, dass es inzwischen mehr Diversität, mehr Teilhabe und mehr Migration gibt und damit bislang bestehende Dominanzen ins Wanken geraten und der „weiße Mann“ Bedeutungsverlust befürchten muss.

Das klingt paradox.

Aladin El-Mafaalani hat in seinem Buch „Das Integrationsparadox“ richtig beobachtet, dass mehr Integration zu mehr Konflikten führt. Es gibt Reibungen, weil vermehrt Teilhabe stattfindet. Und weil viele migrantische Organisationen und Verbände wie das Forum der Kulturen oder die Neuen Deutschen Medienmacher*innen diesen Diskurs in den letzten Jahren enorm vorangetrieben haben. Klar ist aber auch, dass es noch enorm viel zu tun gibt, und wir unsere Ziele noch lange nicht erreicht haben.

Das Forum der Kulturen wurde 1998 in Stuttgart gegründet und ist ein Dachverband, der rund 130 Migrantenvereine zu seinen Mitgliedern zählt. In ganz Baden-Württemberg werden mehr als 300 Migrantenorganisation betreut. Mit diversen kulturellen Angeboten, wie dem Sommerfestival der Kulturen und einem eigenen Monatsmagazin, will die interkulturelle Einrichtung die kulturelle Vielfalt sicht- und erlebbar machen, und darüber hinaus die Migrantenvereine in ihrem bürgerschaftlichen Engagement stärken.

Die aktuelle Handreichung des Forum der Kulturen „Kulturarbeit von und mit Migrantenorganisationen Handlungsempfehlungen für lokale Verbünde und Dachverbände sowie für Kultureinrichtungen“ kann unter folgendem Link heruntergeladen werden. Das Forum der Kulturen ist als Verbundmitglied des Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen (BV NeMO) Teil von KIWit.

Berkan Cakir studierte Medienwissenschaft und Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen. Im Anschluss an das Bachelor-Studium volontierte er bei der Stuttgarter Zeitung, bei der er auch als Redakteur tätig war. Seit 2018 arbeitet er als freier Journalist und lebt in der Nähe von Stuttgart.