Bewegung als Therapie

19.02.2020 Von: Konstantin Alexiou

Nahaufnahme der Hände zweier Personen, einer Person greift mit beiden Händen fest den Arm der anderen
Wie können straffällige Männer lernen, empathisch zu reagieren? | Foto: Fabian Chyle

Der Tanz- und Bewegungstherapeut Fabian Chyle hat ein Training entwickelt, um männliche Gewalt- und Sexualstraftäter im Gefängnis zu behandeln.

Diebstahl, sexuelle Gewalt oder Mord: Damit Täter mit ihrer Schuld und ihren Taten umgehen lernen, kommen im Strafvollzug verschiedene therapeutische Ansätze zum Einsatz, wie die Körpertherapie des Tanz- und Bewegungstherapeuten Fabian Chyle. Aber auch künstlerische Therapieformen werden angewandt.

„Bewegungstherapeutische Verfahren sind nicht Teil des primären Behandlungskanons“, sagt Fabian Chyle. Bei den vorherrschenden sprachbasierten Psychotherapien werden sie oft lediglich ergänzend eingesetzt. Ein Versäumnis, wie er findet. Denn es sei wissenschaftlich belegt, dass es einen Zusammenhang zwischen körperlichem Ausdruck und dem Inneren, Affektiven gebe. „Bewegung kann den Affekt verändern, und unsere Affekte beeinflussen unsere Bewegung.“ Gewalt manifestiere sich ohnehin im Körper. Und gerade im Strafvollzug bedürfe es bewegungsbasierter Therapien.

Gemeinsam mit der Theatertherapeutin Ingrid Lutz entwickelte der Choreograph, Tanz- und Bewegungstherapeut, der heute den Fachbereich Tanz an der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid leitet, das körperbasierte Therapieprogramm e/m/o processing®. In den vergangenen 15 Jahren kam es jährlich bei bis zu acht männlichen Sexual- und Gewaltstraftätern im Gefängnis zum Einsatz.

Deliktaufarbeitung durch Reinszenierung

Die deliktorientierte Bewegungstherapie nimmt insbesondere die choreographische Reinszenierung der Straftat der Inhaftierten in den Fokus. Ziele sind eine Deliktaufarbeitung, eine Stärkung der sozialen Kompetenz und eine Rückfallprophylaxe. In einer ersten dreimonatigen Phase findet an mehreren Wochenenden eine Auseinandersetzung in der Gruppe mittels bewegungstherapeutischer Interventionen statt: Aggression, Grenzüberschreitung, Macht, Ohnmacht, Sexualität und Männlichkeit werden thematisiert. Die Inhaftierten lernen ihren Körper als Informationsträger kennen und erweitern ihr Bewegungsrepertoire.

Es treffen acht Männer jüngeren und mittleren Alters aufeinander, zwischen denen Hierarchien herrschen – und deren bisherige Strategien der emotionalen Selbstorganisation durch die körperorientierte Therapie ausgehebelt werden, um neue zu erproben. Die Auseinandersetzung beschränkt sich aber nicht auf eine nonverbale Form. „Der Königsweg ist, wenn in der Bewegung Sprechen möglich wird und beim Sprechen Bewegung stattfindet“, so Chyle. Dabei intervenieren die Therapeut*innen verbal oder körperlich.

In der zweiten Phase werden die tatrelevanten Aspekte rekonstruiert. Hier kommen vor allem theatertherapeutische Mittel zum Einsatz. „Die antiken Tragödien liefern eine Spirale von Schuld und Gewalt, mit der Täter- und Opferrollen durchspielt werden können“, sagt Chyle. Im Schutz einer Figur, in einer ästhetischen Distanzierung können sich die Teilnehmer nämlich leichter ihren emotional nachwirkenden Delikten nähern. Ein Wiedererleben des Zeitpunkts wird tiefgehend durchgearbeitet.

Ohne Therapeutin geht es nicht

In Fabian Chyles Bewegungstherapie war außerdem die Theatertherapeutin Sandra Anklam involviert, die heute Leiterin des Bereichs Theater an der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid ist. Eine weibliche Person sei wichtig für die emotionalen Übertragungen der Männer, wenn es um ihre Mütter, Frauen oder Freundinnen, aber auch um weibliche Opfer geht, das betonen beide. Diese Affekte könnten in einem rein männlichen Setting nur schwer integriert werden.

Die Teilnehmer reinszenieren im Anschluss nacheinander ihr reales Strafdelikt – eingebettet in biografische Faktoren, frühkindliche und spätere Beziehungserfahrungen; Erlebnisse, die mit dem eigenen delinquenten Verhaltensmuster assoziiert werden. Erinnerungslücken können durch die Verkörperungen überwunden werden.

Die individuelle Tatrekonstruktion erfordert, dass sich der Inhaftierte vielleicht zum ersten Mal vor der Gruppe zu seinem Delikt bekennen muss. Sowohl aus der Täter- als auch Opferperspektive, bei mehrfachem Mord oder bei sexueller Gewalt. Die anderen Teilnehmer spiegeln ihm seine grenzverletzenden Aspekte wider, indem sie die Rekonstruktion der Tat mit ihren Verkörperungen choreographisch übernehmen.

Und wie detailliert bilden die Männer ihre Delikte ab? Symbolisch sollte alles einen Platz finden, sagt Fabian Chyle, der genaue Ablauf, der Moment des Kontrollverlusts, Tatwaffen – auch bei den schweren Vergehen. Der wichtige Prozess sei nicht ausschließlich, das eigene Delikt zu rekonstruieren. Die Straftaten der Anderen zu verkörpern und immer wieder mit Gewaltdynamiken konfrontiert zu werden, führe zu einer tiefen Einsicht.

Rollenmuster hinterfragen, neue Strategien etablieren

Eine Herausforderung, besonders zu Beginn des über 18 Monate laufenden Programms, sei die entstandene Gruppendynamik zu kontrollieren; die sich angeeigneten Rollenmuster der Inhaftierten zu hinterfragen, um die Gruppe flexibel aufstellen zu können.

In zwei abschließenden Einheiten wird das erlangte Wissen im Hinblick auf die Rückfallprophylaxe angewandt: Wie können die Männer in den Situationen, in denen sie ihren Triggern ausgesetzt sind, anders reagieren? Und wie etablieren sie die neuen Strategien? Wiederholt geschieht dies nicht nur in verbalisierter Form, sondern handelnd in der Gruppe.

Sandra Anklam arbeitet auch künstlerisch mit männlichen Gewalt- und Sexualstraftätern im Gefängnis, etwa in Kooperation mit dem Schauspielhaus in Bochum, sowie in Psychiatrien. Auch sie verwendet literarische oder filmische Vorlagen und verknüpft sie mit den biografischen Aspekten der Inhaftierten. Die Aufführungen fanden bisher sowohl in den Theatern als auch in Kliniken statt. Zudem bildet Anklam gemeinsam mit Fabian Chyle und Kollegen Multiplikator*innen aus, systemisch zu arbeiten.

Ob edukative – etwa ein Antiaggressionstraining – , therapeutische oder künstlerische Interventionen, jede Form habe einen positiven Effekt auf die emotionale Selbstorganisation der Männer, sagt sie. Die Teilnehmer erarbeiten sich Erfolgserlebnisse, werden von Mitinhaftierten neu wahrgenommen und trainieren ihre Impulskontrolle. Eine Erweiterung der eigenen Handlungsspielräume wird so ermöglicht.

Mehr Empathie und Schuldeinsicht

Fabian Chyle ergänzt, dass die parallelen sprachbasierten Psychotherapien von den Maßnahmen profitieren können, weil sich der Zugang der Männer zu ihrer Innenwelt erweitere und sie ihren Therapeut*innen neue emotionale Informationen liefern. Zudem zeigt Chyles über fünfzehnjährige Erfahrung, dass die bewegungstherapeutischen Interventionen im Strafvollzug zur Intensivierung der Schuldeinsicht und zu einem Zuwachs von Empathie führen können. Viele Teilnehmer erlebten sein Programm als herausfordernd und wirksam. Denn die körperliche-affektive Auseinandersetzung mit den Biografien und Delikten der Männer schaffe ein intensives, nachhaltiges Vertrauensverhältnis. Es schreibt sich gewissermaßen in den Körper ein.

Dr. Fabian Chyle studierte Tanz und Choreographie an der Theaterschule Amsterdam und Bewegungstherapie am Columbia College Chicago. 2016 promovierte er zum Thema „Körper- und bewegungsbasierte Interventionen mit männlichen Straftätern“ an der Universität Witten-Herdecke. Seine Forschungsinteressen richten sich auf Tanz im Kontext von kultureller Bildung und Tanztherapie, sowie somatische Praxis, und er betreibt künstlerische Forschung. Seit 2017 ist er Leiter des Fachbereichs Tanz an der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW.

Sandra Anklam leitet den Fachbereich Theater und Systemische Theaterpädagogik an der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW. Sie ist Diplom-Pädagogin, Drama- und Theatertherapeutin, Tanztherapeutin sowie Supervisorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Inszenatorisch erarbeitet sie für Theater und Festivals im Ruhrgebiet Formate jenseits klassischer Aufführungsräume – u.a. in Justizvollzugsanstalten und psychiatrischen Kliniken.

Konstantin Alexiou arbeitet als Journalist im Rheinland – zuvor war er im institutionellen und kommerziellen Kunstbetrieb tätig. Er verbindet Kultur mit Politik und erforscht die Bedeutung von kultureller Bildung für gesellschaftliche Teilhabe. Dabei berücksichtigt er Diskriminierungskritik und postmigrantische Fragen. Er ist Mitglied bei den Neuen deutschen Medienmacher*innen.