Held*in gesucht

02.03.2020

Mann (BiPOC) mit Baby auf dem Arm liest ein Buch
Kinderbücher fördern die soziale und emotionale Kompetenz, Empathie und Kreativität. | Foto: nappy.co

Wer bei den großen Kinder- und Jugendbuchverlagen in Deutschland ein vielfältiges Kinderbuch sucht, wird selten fündig. Dabei nehmen Bücher schon sehr früh Einfluss auf die Entwicklung, Selbst- und Fremdwahrnehmung eines Kindes. Doch es gibt Initiativen und kleinere Verlage, die daran arbeiten, diversitätssensiblen Kinderbüchern einen festen Platz im Bücherregal einzuräumen.

Von: Saskia Hödl

Ich, du, wir: Kinder treffen bereits in den ersten Lebensjahren Unterscheidungen zwischen Menschen. Einjährige nehmen sich nicht nur selbst als Individuen wahr. Sie wissen längst, wer zu ihrem vertrauten Personenkreis gehört und wer nicht. Darüber hinaus sind Kinder schon in der Lauflernphase sehr aufmerksam und empfänglich für die Gefühle ihrer engsten Bindungspersonen. Für positive, aber auch für negative. Wenn ihre Bezugspersonen ängstlich oder feindselig auf andere Menschen reagieren, nehmen Kinder das nicht nur wahr. Sie fangen auch an, das Verhalten „ihrer Erwachsenen“ zu imitieren. [1]

Kinder zwischen zwei und fünf Jahren sind bereits in der Lage, gewisse Merkmale ihrer Mitmenschen zu erkennen und entsprechende Fragen zu stellen. Sie stellen Fragen zu Merkmalen wie körperliche Einschränkungen, Haarstruktur, Hautfarbe und Gesichtszüge – aber auch zu kulturellen Unterschieden wie Sprache und Essgewohnheiten. Sie passen sich stereotypen Geschlechterrollen an. Und sie begreifen die Lebensstile von Familien.[2] Es liegt an Eltern und Erzieher*innen, mit diesen Fragen bzw. Phänomenen richtig umzugehen.

„Eine Kindheit ohne Bücher wäre keine Kindheit.“ Mit diesen Worten wird Astrid Lindgren gern zitiert. Und auch wenn dieser Satz ziemlich plakativ ist, ist die Bedeutung von Kinderbüchern für die Entwicklung von Kindern heute unumstritten. Bereits im Kindergartenalter wird mit dem Betrachten von Bilderbüchern der Grundstein für die Lese- und Schreibkompetenz gelegt. Sie stellen den Zusammenhang her zwischen geschriebener und gesprochener Sprache. Die Lektüre von Kinderbüchern fördert das Gedächtnis, die Konzentrationsfähigkeit und Lernprozesse. Sie fördert aber auch soziale und emotionale Kompetenz, Empathie und Kreativität. Kinderbücher erweitern den Wortschatz, sie ermöglichen Identifikation und Perspektivenwechsel.

Was wird abgebildet?

Wer nun in den nächsten Buchladen geht und beliebig Kinderbücher aus den Regalen zieht, wird in der Regel feststellen, dass Identifikation nur mit stereotypen Figuren möglich ist und Perspektivenwechsel oft nur im Kleinen stattfinden. Denn in deutschen Kinderbüchern wird in der Regel die Mehrheitsgesellschaft abgebildet. Die Hauptcharaktere sind meist weiß, männlich, hetero, dünn, ohne Behinderung und christlich. Meist gehören sie der Mittelschicht an, die Eltern sind heterosexuell und leben zusammen. Zwar sieht man nicht mehr so häufig, dass nur der Vater arbeitet und die Mutter zu Hause bleibt. Aber die meisten Familien haben weiterhin ein Auto, einen Garten, und es wird stets eine Vielzahl von ähnlichen Spielzeugen abgebildet.

Für die Repräsentanz von Vielfalt in Kinderbüchern gibt es eine Reihe von Kriterien – es folgt weiter unten ein Beispiel für einen Fragenkatalog. Als oberflächliche Orientierung können die Bücher, die Vielfalt versuchen abzubilden, wohl in drei Kategorien eingeteilt werden. Erstens: Bücher, in denen nur in Nebenrollen Personen vorkommen, die nicht den Kriterien der Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Zweitens: Bücher, die sich explizit mit dem Thema Vielfalt beschäftigen, die dennoch meist den Effekt haben, Personen als „anders“ zu klassifizieren. Und drittens: Bücher, die Vielfalt als Normalität abbilden.

Der US-Buchmarkt

Wer sich auf die Suche nach vielfältigen Kinderbüchern begibt, landet schnell bei englischsprachigen Verlagen. Doch selbst in den USA lag der Anteil der Kinderbücher, der etwa von Schwarzen Menschen, People of Color oder Native Americans (BIPoC) verfasst wurde und/oder von ihnen handelt, im Jahr 2017 nur bei 31 Prozent. So viele waren es davor noch nie. 2013 waren es nur 10 Prozent. Nun könnte man argumentieren, dass die Verlage sich daran orientieren, wie sich die Bevölkerung zusammensetzt. Aber dieses Argument greift zu kurz. Denn zum einen lag der Anteil von BIPoC in den USA laut der eben zitierten Statistik im Jahr 2017 bei 37 Prozent, zum anderen sind BiPoC bei weitem nicht die einzige Zielgruppe, die von diversitätssensiblen Kinderbüchern angesprochen werden soll.

Die US-Erziehungswissenschaftlerin Rudine Sims Bishop erklärte dazu 2015 in einem Interview: „Die Vielfalt muss in beide Richtungen gehen. Nicht nur unterrepräsentierte, marginalisierte Kinder brauchen diese Bücher. Auch jene Kinder, die stets ihre Spiegelbilder in Büchern finden, brauchen sie, denn sie erhalten sonst eine übertriebene Vorstellung von ihrem Selbstwert und eine falsche Darstellung davon, wie die Welt ist.“

Über Reflektionen und Blickwinkel

Bishop veröffentlichte 1990 den Aufsatz „Mirrors, Windows and Sliding Glass Doors“, der davon handelt, dass Kinderbücher auf vielfältige Art bilden. Zum einen seien sie Spiegel, in denen sich Kinder selbst sehen, schreibt Bishop. Sie seien aber auch Fenster, durch die Kinder in andere Welten blicken könnten. Darüber hinaus könnten Kinderbücher auch Glasschiebetüren sein, die ihnen erlaubten, in andere Welten einzutreten.

Der Eintritt in diese andere Welt kann nicht früh genug erfolgen. Laut der US-Erziehungswissenschaftlerin Stacey York zeigten verschiedene Studien über die Entwicklung von Vorurteilen bei Kindern, dass weiße Kinder bereits im Alter zwischen drei und vier Jahren begannen, negative Verhaltensweisen gegenüber Personen auszubilden, die anders aussahen, als sie selbst. Sie entwickelten eine starke pro-weiße Haltung, die in der gesamten Kindheit erhalten blieb, schreibt York. Schwarze Kinder hingegen schienen bis zum Alter von sieben Jahren keine starke Ablehnung gegenüber weißen Menschen zu entwickeln. Ab sieben zeigten sie eine starke Zugehörigkeit zu ihrer eigenen „ethnischen Gruppe“.[3]

Auf der Suche nach Empfehlungen

Die größten Kinder- und Jugendbuchverlage in Deutschland waren 2018 nach Umsatzanteilen Carlsen, Ravensburger und die Oetinger Verlagsgruppe. Bei keinem der Verlage ist von außen ein besonderer Fokus auf Vielfalt zu erkennen, doch man findet einzelne Beispiele. So sind bei Ravensburger in einigen Büchern der Reihe „Wieso? Weshalb? Warum?“-Büchern für 2 bis 4-Jährige nicht nur weiße Kinder zu sehen. Es werden auch Erzieher und Kinder mit Rollstuhl abgebildet, ohne dass es explizit thematisiert wird. Doch das gilt längst nicht für alle Bücher der Reihe.

Der Hamburger Carlsen-Verlag ist bekannt für seine Pixi- und Conni-Bücher. Mit etwas Geduld findet dort zum Beispiel die Bücher von Constanze von Kitzing, die von Gefühlen, Vorlieben und Lebensweisen der Kinder handeln. Die Bücher sind vielfältig und ganz wunderbar illustriert, mit viel Liebe zum Detail.

Auf der Webseite der Verlagsgruppe Oetinger aus Hamburg findet man unter dem Stichwort „Vielfalt“ aktuell nur ein einziges Buch, das im Januar 2020 erschienen ist. Es heißt „Meine Freunde, das Glück und ich“ und soll laut Beschreibung ein Bilderbuch sein „so bunt und vielfältig wie die Wirklichkeit.“

Initiativen helfen weiter

Die Suche nach Büchern für eine vorurteilsbewusste Erziehung gestaltet sich also schwierig, wenn man nur die großen Verlage durchforstet. Fündig wird man vor allem bei verschiedenen Initiativen. Umfangreiche Bücherkataloge für alle Altersgruppen und ergänzend auch zu Themen wie Klassismus, Armut oder Migration hat etwa die „Fachstelle Kinderwelten“ herausgegeben. Hier findet man auch den bereits erwähnten Fragenkatalog zur vorurteilsbewussten Einschätzung von Kinderbüchern.

Zum Thema Familien und vielfältige Lebensweisen gibt die „Fachstelle Queerformat“ nicht nur verschiedene Handreichungen zum Thema frühkindliche Inklusionspädagogik heraus, sondern auch Bücherlisten für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren. Darunter sowohl ganz neue Bücher zum Thema Transgender, wie „Teddy Tilly“ (2016) , als auch Klassiker zum „Anderssein“, wie „Das kleine Ich bin Ich“ (1972).

Sehr umfassende Empfehlungen listet auch die Initiative „Bilder im Kopf“. Nach Themen und Altersempfehlung geordnet findet man hier etwa Listen zu „Vielfalt als Normalität“, „Gender“ oder „Sexuelle Identität“. Seit 2018 wird in Deutschland zudem das „Kimi-Siegel“ für Vielfalt in Bilder-, Kinder und Jugendbüchern vergeben. Eine Jury aus Kindern und Erwachsenen bespricht dafür jährlich etwa 50 Bücher. Die prämierten Bände sind auf der Webseite zu finden und können über einen Partnershop gekauft werden. Auch für 2020 ist eine Preisverleihung geplant, das Team sammelt derzeit Spenden, um weiterarbeiten zu können.

Literatur:

[1] Vgl. Stacey York (2003): „Roots & Wings - Affirming Culture in Early Childhood Programs“, Überarbeitete Auflage, Redleaf Press

[2] Vgl. Louise Derman-Sparks, Carol Tanaka Higa, and Bill Sparks (1980): „Children, Race, and Racism: How Race Awareness Develops", Interracial Books for Children Bulletin. Vol. 11, No. 3 and 4. Council on Interracial Books for Children

[3] Vgl. York, Stacey (2003): „Roots & Wings – Affirming Culture in Early Childhood Programs“