Schulen mit Blackbox – Drei Fragen zur Sicherheit digitaler Lernräume

28.04.2020 Von: Thomas Meyer

Mädchen das mit Stift in einen Block schreibt, vor ihr ein Tablet
Wie können sich Schüler*innen ohne Angst vor digitaler Überwachung auf eine demokratische vernetzte Gesellschaft vorbereiten? | Foto: Julia M. Cameron

Digitale Lernplattformen und Schulräume sind nicht nur Tools zur Wissensvermittlung, sondern auch Aushandlungsorte für Datensicherheit und Medienkompetenz. In der aktuellen Corona-Krise kommt der kritische Umgang mit digitalen Lernplattformen an Schulen zu kurz. Drei Fragen an Schüler*innen, Lehrende und Eltern.

Als Black Box bezeichnet man Systeme, deren innere Funktionsweise unbekannt ist oder in den jeweiligen Zusammenhängen nicht berücksichtigt werden muss.“[1]

Die derzeit viel diskutierten Tracking-Systeme und Apps zur Eindämmung der Corona-Pandemie aber auch digitale Lernplattformen können als eine solche Blackbox verstanden werden. Sie alle sammeln Daten, die durch menschliches Verhalten entstehen. Was mit den Daten später geschieht, ist nicht immer klar. Und während das Tracking von Bewegungsmustern immerhin Diskussionen über die Verhältnismäßigkeit und Gefahren von Datensammlungen auslöst, wird das digitale Aufzeichnen von Lernmustern in der Öffentlichkeit kaum kommentiert.

Ein Grund dafür könnte sein, dass die Gemeinsamkeiten dieser Systeme der Öffentlichkeit und den Betroffenen nicht bewusst sind und ohne profunde technische Kenntnisse nicht bekannt ist, was in den jeweiligen Systemen passiert. Diese Intransparenz erweckt zwar Argwohn bei der Nachverfolgung von Bewegungsprofilen im Alltag, aber wird offenbar hingenommen, wenn digitale Systeme zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen im Einsatz sind. Eine Aufklärungskampagne mit allen Beteiligten ist notwendig, um insbesondere die Schüler*innen vor dem Missbrauch ihrer Daten zu schützen.

Die folgenden Fragen an die involvierten Akteur*innen sollen die Prozesse verdeutlichen, die mit digitalen Formen des Lehrens und Lernens einhergehen. Sie sind nicht belehrend oder zynisch gemeint. Sie sollen eine Andeutung dessen sein, um welches Problem es hier geht.

Liebe Schüler*innen, fühlt ihr euch in den digitalen Schulräumen sicher?

Jeder Mensch hat Fragen, Sorgen oder Unsicherheiten, die entweder gar nicht oder nur mit den intimsten Vertrauten geteilt werden. Und jeder Mensch hat das Recht, die Öffentlichkeit, das heißt den Personenkreis, mit dem die persönlichen Informationen geteilt werden sollen, selbst zu wählen. Stellt euch vor, ihr schreibt eure Fragen, Sorgen und Unsicherheiten in einer Geheimsprache auf einen Zettel, den ihr in einem sorgfältig verklebten Umschlag an eure vertraute Person verschickt. Die Geheimsprache habt ihr mit der vertrauten Person gemeinsam entwickelt. Ihr könnt nun erwarten, dass jeder Eingriff in eure Privatsphäre zum Scheitern verurteilt wäre – der Briefumschlag müsste beschädigt werden, um an eure Informationen zu gelangen und selbst wenn er unbefugt geöffnet würde, wäre da noch die Geheimsprache, die nur ihr kennt. Ihr könnt euch also sicher fühlen.

Wenn ihr Informationen über das Internet teilt, ist dieses Sicherheitsgefühl nur noch bedingt berechtigt. Zwischen euch und euren Vertrauten gibt es ein Netzwerk aus Programmen, deren Programmierer*innen und deren Arbeitgeber*innen. Sie alle könnten euren (digitalen) Brief unbemerkt öffnen. Da alles im Netz für eine sehr lange Zeit gespeichert bleibt, könnt ihr nie wissen, ob und wann eure Fragen, Sorgen oder Unsicherheiten von jemanden veröffentlicht oder weitergegeben werden. Die digitalen Speicher können ohne Zeitdruck alle Informationen sammeln. Dann können sie auch eure Geheimsprache mit anderen vergleichen und darin Gemeinsamkeiten finden. Je mehr Zeit sie haben und je mehr Geheimsprachen sie kennen, desto einfacher können sie eure entschlüsseln. Zum Glück gibt es Möglichkeiten, eure Nachrichten vor dieser unerwünschten Öffentlichkeit zu schützen. Ihr könnt euch also sicher fühlen, wenn ihr diese Möglichkeiten gut kennt.

Egal, ob eure Schule schon vor der Corona-Pandemie oder überstürzt nach der Schulschließung digitale Schulräume und Programme eingeführt hat – es ist euer Recht, euch dort sicher zu fühlen. In der Schule dürft ihr frei wählen, mit wem ihr eure Informationen teilt. Die Fehler, die ihr macht und die Unsicherheiten, die ihr im Unterricht zeigt, müssen in der Schule bleiben. Leider haben die meisten Schulen nicht genügend Geld, um Expert*innen zu beschäftigen, die sich gut mit der Sicherheit im Internet auskennen. Aber jede Schule muss eine*n Datenbeauftragte*n haben. Bittet sie euch zu erklären, wie eure Daten jetzt und in Zukunft geschützt werden. Solltet ihr euch dann noch nicht sicher fühlen, könnt ihr einen Brief an die Senatorin oder den Senator für Bildung eures Bundeslandes schreiben und fordern, dass eure Schule Expert*innen bekommt, die euch und eure Daten beschützen. Bittet eure Lehrer*innen, euch nur Programme nutzen zu lassen, von denen sie wissen, dass eure Informationen dort sicher sind.

Liebe Eltern, trauen Sie der Schule Ihrer Kinder zu, dass sie deren Persönlichkeitsrechte auch im digitalen Unterricht schützt?

Vielleicht sind Sie froh, dass die Schule Ihrer Kinder es schafft, auch digitale Lernräume bereitzustellen. Oder Sie sind frustriert, weil sie es nicht schafft und wollen es in Zukunft mehr einfordern. Wie auch immer sich ihr Vertrauen in die Schule in den letzten Wochen entwickelt hat: Sie sollten jetzt einen kritischen Blick auf die digitalen Systeme werfen, mit denen ihre Kinder arbeiten.

In der analogen Schule können Ihre Kinder im Unterricht ihr Wissen mit der Lehrerin oder dem Lehrer und der Klasse teilen, während sie in der restlichen Schulzeit ihre privaten Informationen mit ihren Vertrauenspersonen austauschen. Verlegt sich der Schulraum auf digitale Plattformen, werden alle Informationen in der Blackbox gespeichert und dann an die entsprechenden Empfänger*innen weitergegeben. Die Möglichkeit zu kontrollieren, wer zuhört und zusieht, fällt weg. Sie sollten sich informieren, in welchen Händen diese Blackbox ist. Wer bestimmt über deren Inhalt und wer gewährleistet, dass die Daten der Kinder nicht veröffentlicht werden? Leider können Sie sich nicht darauf verlassen, dass diese große Verantwortung von allen Schulen gleichermaßen wahrgenommen wird. Zwar sind alle Schulen dem Datenschutz verpflichtet, bei Verstößen können sie jedoch nicht durch Bußgelder bestraft werden. Sie können sich aber mit anderen Eltern zusammentun und die Schulleitung auffordern, Sie zu informieren und gemeinsam mit Ihnen nach Lösungen zu suchen. Viele Schulen nutzen die Expertisen aus der Elternschaft, um eine sichere vernetzte Schule für die Schüler*innen aufzubauen.

Liebe Schulleiter*innen, sind Sie sicher, dass Sie Ihren Schüler*innen den Weg in die Zukunft offen und frei wählbar halten?

Lernplattformen und -software sind dynamische Systeme, die sich mit jedem Update verändern. Alle Nutzer*innen hinterlassen in ihnen individuelle Spuren, aus denen Algorithmen viel mehr herauslesen können, als für eine Evaluation schulischer Leistung erforderlich ist. Metadaten, die die Schüler*innen im Werden und Lernen hinterlassen, enthalten privateste Informationen über ihre Stärken, Schwächen und Neigungen. Für diese gibt es einen Markt, auf dem sie gewinnbringende und auszubeutende Werte darstellen, denn heutige Schüler*innen sind zukünftige Kund*innen, Arbeitnehmer*innen, Versicherungsnehmer*innen und vieles mehr. Die Nutzung einer Blackbox in der Schule führt folglich zu einer unüberschaubaren Verantwortung für die zukünftigen Möglichkeiten Ihrer Schüler*innen.

Was bedrohlich klingt, stellt gleichzeitig die einmalige Chance dar, Ihrer Schule im Kontext der Digitalisierung eine zukunftssichernde Funktion zu geben: als sozialen Schutzraum, in dem sich Schüler*innen ohne Angst vor digitaler Überwachung auf eine demokratische vernetzte Gesellschaft vorbereiten können. Ein Beispiel für einen solchen Ort hat der Künstler Trevor Paglen im Rahmen des Kunstprojektes „Autonomy Cube“ entwickelt. Seine Argumente und Schlussfolgerungen gelten auch für Schulen:

„Immer mehr Museen und Kulturinstitutionen sind dabei, übergriffige Monitoring-Systeme zu installieren: Sie wollen nachverfolgen, wer ins Museum geht, was die Leute anschauen, ob sie wiederkommen, wo ihre Interessen liegen und so fort. Dass die Menschen, die diese Dinge entwickeln, eine solche Art von Information generieren wollen, ist nachvollziehbar. Meiner Meinung nach sollten Museen und andere zivilgesellschaftlichen Institutionen aber den genau umgekehrten Weg einschlagen: Sie sollten kleine Freiräume sein, abseits dieser ganzen hochinvasiven Datenakkumulation, die so normal geworden ist. […] Nur in einem Umfeld, das auf Überwachung verzichtet, kann man Dinge wirklich erforschen.“ [2]

Schulen könnten in einer digitalisierten und überwachten Welt zu Orten freien Lernens werden, in denen der soziale Umgang mit dem und über das Internet eingeübt werden kann, ohne ein noch transparenterer Mensch zu sein. Schüler*innen dürfen durch ihr Lernen nicht Systemen ausgesetzt sein, die sie im Leben nicht mehr loswerden.Die Gründung einer Initiative Metadaten-freier Schulen wäre ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung.

Im Austausch mit Kultureinrichtungen können wichtige Impulse und Perspektiven über die gesellschaftliche Dimension des Internets gelernt werden. Aktivist*innen, Künstler*innen und Hacker*innen thematisieren mögliche Folgen des Internet seit langem. Gemeinsam mit Ihnen könnten Schulen eine positive Vision des Internets entwickeln. Erst wenn Sie die möglichen Zukunftsszenarien antizipieren, können Sie geeignete Systeme zur Verfügung stellen, in denen Schüler*innen lernen, das Internet der Zukunft und damit auch die Gesellschaft der Zukunft zu gestalten.

Ohne eine multiperspektivische Auseinandersetzung damit, wie das Internet der Zukunft sein kann, können wir keine Entscheidungen darüber treffen, welche Informationen Schüler*innen in der Gegenwart preisgeben müssen, um am Schulunterricht teilzunehmen.

Fußnoten:

[1] Vgl. Serres & Farouk; Thesaurus der Exakten Wissenschaften

[2] Vgl. Lauren Cornell in Conversation with Trevor Paglen; Cornell,Bryan-Wilson, Kholeif – Trevor Paglen; Phaidon, 2018

[3] Autonomy Cubes sind open-source Wifi-Router, die jeglichen Datenverkehr über das anonymisierende Tor-Netzwerk leiten. Für mehr Informationen besuchen Sie www.paglen.com und www.torproject.org

Thomas Meyer (*1976 in Bad Oeynhausen) studierte Kommunikationsdesign in Düsseldorf und arbeitet seit 2003 als Ausstellungs- und Kommunikationsdesigner. Er lehrte zehn Jahren Interaction- und Gamedesign an der Hochschule Düsseldorf und an der Fachhochschule Bielefeld. Seit 2016 arbeitet er für die T(o)uring-Schule. Seine Lehrtätigkeit und Forschung beschäftigt sich mit der anthropologischen Wirkung digitaler Systeme und in seiner Tätigkeit als Ausstellungsgestalter transformiert er vielschichtige Themen in interaktive und performative Räume. Seit 2017 ist er Mitglied des Konzeptionsteams, der vom Berliner Senat veranstalteten Konferenz "Diskurs.Medien.Bildung". Seit 2019 ist er Teil des Kernteams der Bildungsinitiative swo.io.