Schwarzes Leben sichtbar machen

13.07.2020 Von: Saskia Hödl

Schwarze Frau, die ein Kunstwerk hält - eine Gesichtshälfte ist verdeckt
Zahlen und Daten können strukturellen und institutionellen Rassismus offenlegen. | Foto: Retha Ferguson

Über die Lebensrealitäten von Schwarzen Menschen in Deutschland weiß man bisher kaum etwas. Im Rahmen des „Afrozensus“ sollen nun dazu das erste Mal Daten erhoben werden. Das könnte auch eine Chance für den Kulturbetrieb sein.

In Deutschland gibt es etwa 90 Milliarden Bäume. Es gibt 893.000 Kleingärten und 40 Millionen Autofahrer*innen. Außerdem hat hierzulande jede*r Vierte einen Migrationshintergrund – was bedeutet, dass eine Person selbst oder mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde. Das heißt wiederum, dass auch eine weiße Person mit einer österreichischen Mutter oder einem dänischen Vater in Deutschland als Person mit Migrationshintergrund gilt.

Man weiß sehr viel über dieses Land und die Bevölkerung. Worauf es bisher aber noch keine genaue Antwort gibt, ist die Frage, wie viele Schwarze Menschen hier leben? Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, wenn es etwa darum geht, ob Deutschland ein Rassismus-Problem hat. Oder ob eine deutsche Black Lives Matter-Bewegung überhaupt legitim ist, denn hierzulande sei es ja nicht so schlimm, wie in den USA – oder?

Wer eine konkrete Zahl sucht, kann sich im Moment nur auf die Schätzung einer Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen (UN) berufen, laut der über eine Million Schwarze Menschen in Deutschland leben. Unklar bleibt jedoch, wie deren Alltag aussieht: Wie und wo leben sie, was arbeiten sie und welche Erfahrungen machen sie?

Der „Afrozensus“

Das Projekt „Afrozensus“ soll nun erstmals per Onlinebefragung Daten zur Situation und Perspektive Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen erfassen. Der „Afrozensus“ ist ein Projekt von „Each one teach one“ (EOTO) in Kooperation mit „Citizens for Europe“ und wird durch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gefördert. Bisher haben sich etwa 5.000 Personen zur Teilnahme registriert, alle auf freiwilliger Basis. Repräsentativ sind die Zahlen also nicht, aber sie liefern eine Grundlage mit der sich, so die Hoffnung, argumentieren lassen wird.

Erhoben werden unter anderem demografische Daten, wie Alter und Familienstand, aber auch das Vertrauen in Institutionen und Erfahrung mit Diskriminierung. So könnte erstmals eine Skizze der durchaus vielfältigen Schwarzen Community gezeichnet werden. Es könnte Benachteiligung am deutschen Arbeits- und Wohnungsmarkt, im Bildungs- und Gesundheitssystem, in Kultur und Gesellschaft sichtbar werden.

Denn die Diskriminierung Einzelner kann erst durch Daten zu einem gesellschaftlich anerkannten Problem werden. Zahlen können strukturellen und institutionellen Rassismus offenlegen, was wiederum eine solide Basis für Strategien und konkrete Forderungen an die Politik bieten kann. Zudem könnten diese Daten eine heilende Wirkung für Betroffene haben und das Gefühl geben, dass man nicht alleine ist.

Schlechte Datenlage

Wenn es um Rassismus in Deutschland geht, stützt sich die Debatte immer wieder auf Erzählungen einzelner Menschen. Sie bekommt dadurch einen anekdotischen Charakter, der einerseits von Einzelnen verlangt, für das Wohl aller private, teils traumatische Erlebnisse zu wiederholen. Zum anderen schwächt dieser Charakter den Diskurs zwangsläufig. Denn individuelle Rassismuserfahrungen werden oft abgetan, mit dem Label „Einzelfall“ versehen, es werden fehlende Beweise und Daten moniert. Bisher wurde eine Datenerhebung nach ethnischen Merkmalen in Deutschland abgelehnt.

Teresa Bremberger, Mitglied von EOTO, sagte zuletzt in einem Interview mit dem Magazin Fluter: „Bisher hat sich Deutschland damit herausgeredet, dass angesichts der historischen Begebenheiten, also der Verfolgung von Minderheiten im Nationalsozialismus, keine Daten über solche Gruppen erhoben werden sollen.“ Ein Dilemma und für von Rassismus Betroffene eine Sackgasse. Denn während die Verantwortung der deutschen Gesellschaft für die Shoa ins Unermessliche geht, stellt sich in Bezug auf Schwarze Menschen in Deutschland dennoch die Frage: Ist es denn die Benennung der Unterschiede und damit der Ungerechtigkeit, die erst zu den Unterschieden und der Ungerechtigkeit führt?

Ein Henne-Ei-Problem, mit dem schon mal die höchsten Stellen in Deutschland hadern. So wie Innenminister Horst Seehofer (CSU), der Anfang Juli 2020 eine offenbar angekündigte Studie zu rassistischer Diskriminierung durch Polizeibehörden absagte. Auf Anfrage von ZEIT ONLINE bestätigte ein Sprecher des Innenministeriums, dass es nach Ansicht von Seehofer „keinen Bedarf“ für eine solche Studie gebe, denn Racial Profiling sei ohnehin verboten.

Dass Racial Profiling in Deutschland aber durchaus stattfindet, belegte zuletzt eine Erhebung der Agentur der EU für Grundrechte (FRA) aus dem Jahr 2018, bei der über 5.000 Schwarze Menschen aus zwölf Mitgliedsstaaten befragt wurden. Für Deutschland gaben 14 Prozent der Interviewten an, in den fünf Jahren vor der Erhebung von der Polizei aufgehalten worden zu sein und die Situation als Racial Profiling wahrgenommen zu haben. 48 Prozent gaben an, im selben Zeitraum rassistisch motivierte Belästigung in Deutschland erlebt zu haben.

Die Gesellschaft widerspiegeln

In anderen Ländern finden dem „Afrozensus“ ähnliche Erhebungen bereits statt. In den USA etwa gab es 2018 die bisher größte Umfrage unter Schwarzen Menschen, der „Black Census“. In Großbritannien gibt es den UK Census, der bereits seit 1991 Angaben zu „Ethnicity“ erhebt. Auf dieser Grundlage gibt es Zahlen zur „Ethnicity Pay Gap“, zu Corona-Toten nach „Ethnicity“ aber auch zu Kunst und Kultur.

Das Arts Council England (ACE) etwa veröffentlichte Anfang des Jahres seinen Diversity Report für 2018 und 2019. ACE ist die nationale Fördereinrichtung für Kunst in England und entwickelt, unterstützt und fördert durch die Vergabe von öffentlichen Geldern sowie Einnahmen der National Lottery.

Der Bericht umfasst das komplette Portfolio des ACE für die Förderungsperiode 2018-2022 – es handelt sich um 829 Organisationen, darunter Museen, Bibliotheken, Theater, Galerien, Tanzeinrichtungen und vieles mehr. Ein wesentlicher Grundsatz der Strategie für 2020-30 sei, „dass die von uns finanzierten Organisationen und der Arts Council selbst repräsentativ für die Gesellschaft sein sollten", sagte Nicholas Serota, Vorsitzender des ACE, in einem Interview. Der Bericht zeige aber ein enttäuschendes Bild. Die Anzahl der nicht-weißen Beschäftigten liegt etwa bei elf Prozent, im Gegensatz zu den 16 Prozent Bevölkerungsanteil. Der Anteil von Menschen mit Behinderung gar nur bei sechs Prozent, im Gegensatz zu 21 Prozent Bevölkerungsanteil.

„Unternehmen, die von ACE gefördert werden, müssen sich selbst Ziele für die Unternehmensführung, Belegschaft, Teilnehmenden und Publikum setzen. Die Nichterfüllung dieser Ziele wird sich auf künftige Finanzierung auswirken“, sagt Serota in Hinblick auf die Zukunft der Kunst- und Kulturförderung in England.

Der Kultursektor in Deutschland

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien fördert ebenfalls Projekte, mit denen Kultureinrichtungen Diverstiät und kulturelle Bildung weiter stärken. Das Ziel sei, künftig mehr Menschen zu erreichen, die bisher kaum oder gar keine kulturellen Angebote nutzen, steht auf der Webseite der Kulturstaatsministerin.

Doch auch hier könnten umfassendere Gleichstellungsdaten nützlich sein, um Diskriminierung in Kulturbetrieben effektiver zu entgegnen. Denn um etwa die tatsächliche Teilhabe Schwarzer Menschen im Kultursektor festzustellen, bräuchte es Antworten auf Fragen wie: Wie hoch ist der Anteil Schwarzer Menschen unter den Angestellten in deutschen Kulturbetrieben? Wie viele davon arbeiten in Leitungspositionen? Wie oft besuchen Schwarze Menschen Museen, Theater, die Oper – und welche Erfahrungen machen sie da? Wie viele Schwarze Künstler werden in Deutschland ausgestellt?

Bereits 2016 erschien das Papier „Handlungsoptionen zu Diversifizierung des Berliner Kultursektors“ von Joshua Kwesi Aikins, Politikwissenschaftler, und Daniel Gyamerah, Vorsitzender von EOTO. Darin steht: „Die Förderung von Diversität und die Öffnung des Berliner Kultursektors für die vielfältige Stadtgesellschaft im Bereich Personal, Programm und Publikum (PPPZ) kann nur gelingen, wenn sie vom Parlament sowie der Spitze der Kulturverwaltung als prioritäre und permanente politische Aufgabe verstanden (...) wird.“ Darüberhinaus müsse man auf gezielte Mittelvergabe, Berichtspflichten und positive Maßnahmen setzen. Ein Ansatz der dem des ACE gleicht.

Im Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus der Bundesregierung heißt es: „Die Bundesregierung nimmt die Internationale VN-Dekade für Menschen afrikanischer Abstammung, die 2015 begann und bis 2024 andauern wird, zum Anlass, Rassismus gegen Schwarze Deutsche stärker in den Blick zu nehmen und Maßnahmen einzuleiten, um dem entgegenzuwirken. (...) Daneben kann die systematische Erforschung von Benachteiligungsformen, die spezifisch visible Minderheiten erfassen, eine weitere sinnvolle Maßnahme sein.“ Die Ergebnisse des „Afrozensus“ werden voraussichtlich im Frühjahr 2021 vorliegen und können als ein erster Schritt betrachtet werden.

Zum Thema Vielfalt und Diskriminierung in der deutschsprachigen Film- und Fernsehbranche findet aktuell die große Onlinebefragung „Vielfalt im Film“ statt. Der Starttermin ist der 17. Juli 2020 und auch hier ist eine der Mitinitiator*innen „Citizens of Europe“. Ziel dieser Umfrage ist es, ein umfassendes und datengestütztes Bild der Branche zu erhalten. Aus den Ergebnissen sollen zudem konkrete Maßnahmen folgen, heißt es auf der Webseite der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Saskia Hödl hat in Wien Journalismus und Medienmanagement studiert. 2013 kam sie für ein Volontariat bei der taz nach Berlin, wo sie seit Anfang 2019 Ressortleiterin von taz zwei ist, dem Gesellschafts- und Medienressort. Sie ist außerdem ein Teil von "Weißabgleich" dem Podcast der taz von BIPoC für BIPoC.