Mut zur Selbstreflexion

29.09.2020 Von: Aïcha Diallo , Dariush Faradjollah

Ein Kunstinstallation, vor einer braun-gelben Hauswand hängen Wasserkanister an Seilen, auf ihnen kleben verschiedene Illustrationen
Foto: Aïcha Diallo

Der Körper eines weißen Professors ist irrelevant, während der Körper einer Schwarzen Professorin ständig zur Diskussion steht. Die Trennung von Körper und Geist als Ausdruck rassistischer Diskriminierung ist eine zentrale Aussage des Buchs „Teaching to Transgress“ der Kulturtheoretikerin und Professorin bell hooks aus dem Jahr 1994. Für heutige Bildungskontexte bedeutet das: Wir brauchen alternative Lernorte, um unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven Raum zu geben.

Als ich das Buch durchlas, empfand ich eine Erleichterung, als hooks bestätigt, dass sich „BPoC-Lernende in einem scheinbar neutralen Setting möglicherweise überhaupt nicht ‚sicher‘ fühlen.“[1] Dies habe ich oft empfunden, obwohl ich gleichzeitig den größten Teil meines Lebens mir dessen nicht bewusst war. Ich hatte es unterdrückt. Als ich den Mut fand, mich mit diesem Gefühl zu verbinden, entdeckte ich weitere verdrängte Emotionen. Ich habe Angst, als brauner, muslimischer Mann gelesen zu werden. Dies zu leugnen, heißt aber die Realität zu negieren. (Dariush Faradjollah)

Die Spaltung des Geistes und des Körpers

In ihrem Buch „Teaching to Transgress. Education as the Practice of Freedom“ aus dem Jahr 1994 untersucht die Literaturwissenschaftlerin bell hooks diese Realität und identifiziert dabei die Spaltung von Körper und Geist als Teil von rassistischer Diskriminierung. Sie nimmt dabei bewusst den Bildungskontext in den Fokus und weist auf die Erkenntnis hin, dass zum Beispiel ein weißer männlicher Professor jeden Tag die gleiche Kleidung tragen oder unordentliche Haare haben kann. Das bleibt unbemerkt, weil sein Geist im Vordergrund steht und sein Körper keine prominente Rolle spielt. Ferner stellt hooks die Erfahrung des weißen Professors ihre eigenen Erfahrung als Schwarze Professorin gegenüber: Ihr Körper werde stets beäugt, ihre Kleidung und ihre Haare unter die Lupe genommen.[2] Für BPoCs ist es demnach geradezu unmöglich, Körper und Geist zu trennen.

Zudem weist hooks darauf hin, dass Lernende aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen (working class) sowie BPoC-Lernende unter dem Druck stehen, „alle Werte und Gewohnheiten aufzugeben“, die ihre Herkunft verraten könnten.[3]

Primär ist der Körper eines weißen Mannes irrelevant, während der Körper einer Schwarzen Frau zur Diskussion steht. Lernende unterdrücken alle ihre Werte und Gewohnheiten, die den weißen Lernenden/Studierenden und Professor*innen der Mittel- und Oberschicht als fremd erscheinen könnten. Durch diese Erfahrungen können wir sehen, dass das Weißsein als völlig normal, unbemerkt und somit unsichtbar wahrgenommen wird. Alles, was außerhalb des Weißseins liegt, weicht ab und fällt auf.

Frantz Fanon hat hooks Arbeit stark geprägt. Fanons Werk Schwarze Haut, Weiße Masken ist eine psychoanalytische Untersuchung psychischer Störungen, die bei Schwarzen Personen auftreten können, die in Situationen leben, in denen das dominante Narrativ innerhalb der Gesellschaft ausschließlich von weißen europäischen Kulturen bestimmt wurde – in diesem Fall Frankreich. In einem solchen gesellschaftlichen Kontext sind Schwarzen Personen der singulären, weißen Erzählung ausgesetzt, die Schwarze Erfahrungen und Positionierungen ausschließt.

Wissen aus dem Erlittenen

In direktem Gegensatz zu diesem Narrativ schreibt hooks: „BPoC haben einen gesonderten Standpunkt. Sie bringen eine einzigartige Mischung aus gelebten und analytischen Erkenntnissen mit. Es gibt ein besonderes Wissen, das aus dem Erlittenen entsteht. Dieses Wissen wird oft durch den Körper ausgedrückt. Die Komplexität dieser Art von Erfahrungen kann selten aus der Ferne benannt und untersucht werden.“[4]

Im Gegensatz zu der liberalen Annahme, dass alle gleich sind, betont hooks, dass es einen radikalen Unterschied bezüglich der Erfahrungen und des Wissens gibt – nämlich zwischen dem Erlittenen einer Gruppe und dem Nicht-Betroffensein einer anderen Gruppe.

Im Zusammenhang dazu hat hooks eine Kombination von pädagogischen Methoden entwickelt. „Der Austausch von Erfahrungen und persönlichen Erzählungen im Seminarraum trägt dazu bei, das kollektive Engagement für das (Lehren und) Lernen zu stärken. [...] Weiße Lernende erhalten die Möglichkeit, sich der Vorstellung anzunähern, dass wir nicht alle aus einem gemeinsamen Kontext kommen.“[5] Den Geist mit dem Körper zu verbinden: „Den Körper wahrzunehmen, hat aber zur Folge, die Tradition der Unterdrückung durchzubrechen.“[6]

Während hooks als Lehrende darum bemüht ist, Lernende auf den Status Quo unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, stellt sie fest, dass es folglich oft Widerstand von deren Seite gibt. Bei diesen Lernenden wächst öfter das Empfinden, dass sie das Leben nicht mehr unbeschwert genießen können. Dies kann als Unbehagen verstanden werden, das einen Paradigmenwechsel verursachen kann. Die Realität, die gesellschaftspolitische Spannungen mit sich trägt, kann sich unerträglich anfühlen.

Die Beschämung und die Scham als Stärke

Bei einem gemeinsamen Panel mit Harvard Professor Cornel West beschreibt hooks ihre Forderung „to transgress“ als das Überschreiten von Grenzen. hooks plädiert dafür, sich zu repositionieren und Vermittlungsräume als emanzipatorische Lernorte im kollektiven Sinne zu transformieren.

To transgress heißt ein Prozess des Verlernens. Dabei spielt das Imaginieren eine bedeutsame Rolle. hooks spricht auch von „decolonizing of the imagination“. Es gilt nicht nur den Geist (decolonizing of the mind), sondern auch den Körper und die Vorstellungskraft aktiv und bewusst zu dekolonisieren. Um den Prozess von „to transgress“ zu erlangen, ist es wichtig, sich mit der Beschämung bzw. der Scham auseinanderzusetzen.

Stigmatisiert und marginalisiert zu werden, hat gleichzeitig zur Folge, von der Dominanzkultur beschämt zu werden. Die Machtverhältnisse und soziale Positionierungen werden dadurch nicht gegenseitig gespiegelt. Bei rassistischen Erfahrungen wird die Beschämung verinnerlicht. Diese toxische Scham trägt der Körper. Dabei ist der Blick zentral.

Ich habe auch Angst, als Schwarze muslimische Frau gelesen zu werden. Ich kam immer wieder in Situationen, in denen ich mich nicht mehr getraut habe, hinzuschauen und dadurch den Blickkontakt vermieden habe, weil das Anstarren von Seiten der weißen Mehrheitsgesellschaft übergriffig wirkte. Ich betrachtete mich nicht mehr im Spiegel. (Aïcha Diallo)

Die Politiktheoretikerin und Professorin María do Mar Castro Varela fordert uns dazu auf, die Beschämung zu eigen zu machen: „Scham gehört zur geteilten Erfahrung derjenigen, die stigmatisiert und marginalisiert werden. Unsere Scham ist unsere Stärke. Wir schämen uns nicht mehr, weil ihr uns beschämt habt. Wir sind verlegen, weil wir uns selber mehr abverlangen sollten. Scham wird zum Analysewerkzeug und gleichzeitig zu der Hürde, die wir nehmen werden, um unser Denken, ein Denken ohne Geländer, zu präsentieren, zu artikulieren – zur Debatte zu stellen. Unsere Scham ist unsere Stärke. Sie schützt uns vor Allmachtsfantasien und jenem gewaltvollen Narzissmus, der die Hörsäle der Welt bevölkert.“[7]

Der Kreis als künstlerischer, ethischer Raum

Kulturproduktionen ermöglichen, Normen und Narrative neu zu überdenken. Das Theaterstück Congo vom Tänzer und Choreographen Faustin Linyekula stellt ein Gegennarrativ vor: „Schau hin, schau hin! Wozu? Das hilft uns, der Wut und Trauer überdrüssig zu werden.“ Das sind die einführenden Worte aus dem Theaterstück. Darin thematisiert Linyekula die Geschichte und die bis heute existierende Wirkmacht der brutalen Kolonisierung des Landes Demokratische Republik Kongo.[8]

In seinem neuen Werk My Body, My Archive öffnet Linyekula einen Kreis für die Mitwirkenden und das Publikum, damit wir die Idee eines gemeinsamen Prozesses verkörpern. Im Kreis sehen wir uns und hören einander zu. Der Kreis als künstlerischer Raum bedeutet auch ein Imaginieren und eine Aktivierung. Der Kreis als politisches, ethisches Werkzeug regt die Einnahme verschiedener Standpunkte an, da ein „Wir“ einen Raum für verschiedene Aufmerksamkeitspunkte und mehrfache Positionierungen ermöglicht.

Fußnoten:

[1] hooks, bell. "Teaching to transgress: Education as the practice of freedom." Journal of Leisure Research 28.4 (1994). S. 39.

[2] Ebd. S. 135-137

[3] Ebd. S. 182

[4] Ebd. S. 90

[5] Ebd. S. 186

[6] Ebd. S. 191

[7] Castro Varela, María do Mar (2020): Manifesto – Bildung, Rassismus und Postkolonialtät. Bildung – ein postkoloniales Manifest. BildungsLab* 2020. Wien: Zaglossus

[8] Congo / Faustin Linyekula, Studios Kabako (2019). Regarde, regarde ! À quoi cela sert ? Cela sert à nous rassasier de fureur et de chagrin. Von »https://www.hebbel-am-ufer.de/service/presse/linyekula-congo« abgerufen am 01.09.2020

Aïcha Diallo ist eine Berliner Wissenschaftlerin, Pädagogin, Autorin und Kulturproduzentin. Im Frühjahr 2021 erscheint der Sammelband Untie to Tie: Koloniale Fragmente im Kontext Schule, den Diallo zusammen mit Annika Niemann und Miriam Shabafrouz in Kooperation mit der ifa Galerie Berlin und der Bundeszentrale für politische Bildung herausgibt.

Dariush Faradjollah hat englische Literatur in San Francisco studiert. Seit 2004 lebt er in Berlin, wo er Informatik studiert hat. Heute arbeitet er als Lehrkraft in einer Berliner Schule.