„Gleichberechtigter Zugang ist keine gute Tat, sondern ein Menschenrecht“

19.10.2020

Verschiedene Schauspieler*innen auf einer Bühne, sie singen und tanzen
Jana Zöll im Stück "School of Shame" mit dem Tanzlabor Leipzig und Polymora Inc. | Foto: Tom Dachs

Um Institutionen vor, auf und hinter der Bühne für eine diverse Gesellschaft zu öffnen, braucht es ein neues Verständnis von Inklusion und Barrierefreiheit. Über dieses Thema diskutierten beim vierten Kultur öffnet Welten-Webinar am 23.09.2020 die Schauspielerin Jana Zöll, freiberufliche Performerin unter anderem beim mixed-abled Ensemble Un-Label sowie Melanie Zimmermann, Referentin für das europaweite Inklusionsprogramm „Europe Beyond Access“ bei Kampnagel. Im folgenden Gesprächsprotokoll berichtet Jana Zöll über ihre Erfahrungen und liefert Anregungen, wie Institutionen inklusiv(er) gestaltet werden können.

Hallo, ich heiße Jana Zöll, bin staatlich anerkannte Schauspielerin und habe eine Behinderung. Ich bin eingeladen worden, um Ihnen etwas über Zugangsbarrieren und inklusive Change-Prozesse im Kunst- und Kulturbereich zu erzählen. Bevor ich damit beginne, möchte ich zwei Anmerkungen vorwegschicken.

1. Ich kann Ihnen zu diesen Themen nur etwas aus meiner Perspektive sagen, mit den Erfahrungen, die ich mit meiner Behinderung und meiner Ausbildung als Schauspielerin gemacht habe. Für Menschen mit anderen Behinderungen und anderen Hintergründen mögen ganz andere Dinge wichtig sein. Es mag ein paar grundsätzlich Dinge geben, die es bei Inklusion zu beachten gilt, aber letztlich gilt: Sprechen Sie immer mit den Menschen, die Ihnen begegnen und fragen Sie diese nach ihren Bedarfen.

2. Dadurch, dass ich zur Regelschule gehen konnte, Abitur gemacht und eine staatlich anerkannte Schauspielausbildung abgeschlossen habe, bin ich für einen Menschen mit Behinderung bereits unglaublich privilegiert. Diese Privilegien sind mir nicht einfach zugefallen, meine Eltern mussten sie mir vor 30 Jahren auf dem Land, wo es noch gar kein Anrecht auf inklusive Bildung gab, hart erkämpfen. Aber das ist wahrscheinlich mein Glück und eigentliches Privileg: Eltern zu haben, die sich nicht ungefragt vom System alles vorschreiben lassen. Das habe ich von ihnen gelernt.

Inklusive Bildung als Ausgangspunkt

Und so möchte ich jetzt auch mit meiner These beginnen: Der gleichberechtigte Zugang auf Augenhöhe zu Kunst und Kultur ist nur durch gleichberechtigten Zugang zu inklusiver Bildung möglich. Und dabei ist das erlernte Allgemeinwissen nur ein Aspekt. Der viel wichtigere Punkt ist die Sozialisierung.

Man lernt eine gemeinsame Welt kennen, mit all ihren Möglichkeiten, lernt miteinander umzugehen und im besten Falle ein Selbstverständnis, dass es für jeden diverse Möglichkeiten gibt. Ich bin überzeugt davon, dass ich keine Schauspielausbildung gemacht hätte, wenn ich auf eine Förderschule und damit in eine "Sonderwelt" gegangen wäre. Im besten Falle säße ich dann heute irgendwo in einem Büro, aller Wahrscheinlichkeit nach aber sogar in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung – weil das für Menschen mit Behinderung in unserem System so vorgesehen ist. Was Kunst- und Kulturinstitutionen hier machen können: Öffnet eure Frühförderungsangebote inklusiv, zum Beispiel Spielclubs an Theatern, die Musikschulen usw.

Nach meinem Abitur habe ich eine Schauspielausbildung an der damals einzigen integrativen Schauspielschule Deutschlands gemacht. Auch heute sieht die Ausbildungssituation nicht besser aus, vielleicht sogar schlechter. An dieser Schule von Integration zu sprechen, war allerdings eine Farce. Der meiste Unterricht fand im zweiten Stock ohne Aufzug statt, alleine räumlich gesehen war diese Schule also alles andere als barrierefrei.

Ich habe hier ein weiteres Privileg: Mir ist es durch Assistenz möglich, solche räumlichen Barrieren zu überwinden. Inzwischen ist mir diese nötige Assistenz seitens des Staats auch bewilligt, damals hat das alles noch meine Mutter übernommen, was logischerweise zu anderen sozialen Ausschlüssen geführt hat. Ich kann mich also mit externer Unterstützung noch relativ gut an gegebene Strukturen anpassen.

Strukturen sollten sich den Menschen anpassen

Aber das ist ja gerade der „Witz" bei Behinderung, dass diese „Anpassungsfähigkeit" eingeschränkt ist. Die Strukturen müssen sich dem Menschen anpassen – nicht umgekehrt. Alles andere ist extrem ableistisch. Hinzu kommt: Dadurch, dass ich immer meine eigenen Lösungen finde, bin ich für Institutionen natürlich leicht inkludierbar. Sie müssen wenig bis gar nichts tun und können trotzdem sagen: Schaut her, wir sind inklusiv und offen für Menschen mit Behinderung.

Damit komme ich zu einem weiteren Thema: Tokenism. Sie möchten gar nicht wissen, wie oft ich mich als inklusives Aushängeschild missbraucht gefühlt habe oder das Gefühl hatte, andere Menschen mit Behinderung werden als solches missbraucht – sei es wegen Fördergeldern oder wegen des Images.

Porträtfoto von Jana Zöll, sie liegt auf einer Bank und lächelt in die Kamera
Jana Zöll | Foto: Gianni Plescia

Das Label „inklusiv“ ist in den letzten Jahren ohne Frage immer hipper geworden ist. Da werden Menschen mit Behinderung mit Texten auf die Bühne gestellt und niemand hat sich die Arbeit gemacht, dafür zu sorgen, dass der vortragende Mensch überhaupt versteht, was er da erzählt. Reicht ja, wenn dieser Mensch auch mal auf die Bühne darf und alleine dafür schon Applaus bekommt. Oder man engagiert Menschen mit Behinderung ins feste Ensemble, weiß dann aber nicht, wie man sie besetzen soll. Weil in der Dramaturgie, der Regie und Intendanz sowie auch bei den Theaterkritiker*innen nur nicht-behinderte Menschen sitzen. Wenn sie dann eine Schauspieler*in mit Behinderung besetzen, befürchten sie wohl, sie müssten das in ihrem gesamten Konzept begründen.

Das heißt, der besondere Körper muss immer auch etwas Besonderes erzählen. Warum? Wo ist hier eigentlich die Kreativität und künstlerische Offenheit? Und dann wird noch ins Feld geführt, dass das Publikum sich mit einem Körper, der wenigstens noch einigermaßen so aussieht wie der eigene, besser identifizieren kann. Was ist, nach dieser Logik, eigentlich mit dem Publikum mit Behinderung?

Kriterien der Rollenvergabe als größte Barriere

Ich persönlich habe tatsächlich die Kriterien der Rollenvergabe irgendwann als größte Barriere empfunden und war es auch leid, immer wieder die Perspektive nicht-behinderter Menschen auf Behinderung oder den „besonderen" Körper zu erzählen. Gerade deswegen ist die Repräsentation von Menschen mit Behinderung in allen Bereichen und nicht nur auf der Bühne so wichtig. Damit auch wirklich mal andere Geschichten und Perspektiven erzählt werden. Deshalb bin ich inzwischen wieder in die freie Szene gewechselt und realisiere vermehrt meine eigenen Projekte, die disabled led, intersektional oder mixed-abled sind. Projekte, in denen wirklich auf Augenhöhe gearbeitet wird und jede*r sich als Künstler*in einbringen kann.

Meine Kunst ist auch politischer geworden, wobei ich das Gefühl habe, sobald *Mensch mit einer Behinderung auf die Bühne geht, ist das in unserer Gesellschaft heute schon ein politisches Statement. Aber das reicht nicht, weil dieser viel erwähnte Change eben passieren muss und dafür reicht es nicht einfach „ohne“ Haltung auf die Bühne zu gehen. An dieser Stelle würde ich gerne auf das Symposium „Sichtbar –Hörbar – Wahrnehmbar; ARTivismus von Künstler*innen mit Behinderung“ aufmerksam machen, das ich gemeinsam mit Linda Müller kuratiert habe und das Ende September online und vor Ort in Mainz stattfand.

Die Haltung der Menschen muss sich verändern

Und ja, hier und da beginnen Veränderungen. Meist wird bei den räumlichen Barrieren angefangen und das ist wichtig, keine Frage. Aber es ist erst der Anfang. Um wirklich einen gleichberechtigten Zugang für alle zu gewährleisten, reicht es nicht, immer mal wieder, am besten noch projektbasiert, Menschen mit Behinderung dabei sein zu lassen. Die Strukturen von Institutionen, unseres ganzen Gesellschaftssystems müssen sich grundlegend verändern. Wir müssen bereit sein, ernsthaft miteinander zu kommunizieren. Und die Haltung der Menschen in allen Bereichen muss sich verändern. Gleichberechtigter Zugang ist keine gute Tat, sondern ein Menschenrecht!

Eine Aufzeichnung des Webinars "Anders ist Normal! Kulturbetrieb inklusiv gestalten" mit Jana Zöll und Melanie Zimmermann ist unter folgendem Link zu finden.