Mögliches. Fragliches. Perspektiven auf partizipative künstlerische Praxis.

19.11.2020

Eine Collage von vier Fotos einer Skulptur, die einen Würfel darstellt
Foto: Doris Koch

Partizipative Praxis in der Kunstwelt gewinnt zunehmend an Bedeutung. Dabei gilt es über Beteiligung hinaus zu denken und stattdessen gemeinsames Handeln und Agieren im Prozess als Gemeinschaftsaufgabe zu verstehen.

Von: Doris Koch

Viele Regionen weltweit sind von Abwanderung geprägt, da Lebens- und Arbeits- und Entfaltungsgrundlagen für die Menschen zerstört sind. Fachleute sprechen von Perspektivlosigkeit, die sich breit macht angesichts von politischen, ökologischen, wirtschaftlichen Verwüstungen. Im ländlichen Brandenburg war ich 2005 im Rahmen einer künstlerischen Forschung mit diesem Thema konfrontiert.

"Was passiert, wenn die Perspektive fehlt? Nehmen wir dann keine Standpunkte mehr ein? Verschwinden etwa die Aussichten? Wie stellen wir dann die gegenwärtigen Verhältnisse dem Augenschein entsprechend dar?" Diese Fragen bildeten die konzeptionelle Grundlage für das Forschungsprojekt, das ich im Dialog mit den Einwohner*innen einer Gemeinde mit zwölf Dörfern 70 km östlich von Berlin entwickelte. Die Darstellung ihrer gegenwärtigen Situation von Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen selbst, "ohne das Mittel der Perspektive zu benutzen", wurde angestrebt.[1]

Mit dem Paradox Perspektivlosigkeit wurde innerhalb des Projekts eine Differenz zur Alltagswelt, zum Gewohnten hergestellt. Ein Paradox führt immer wieder zur Verunsicherung, zu einem Hin- und Her zwischen Widersprüchen, zur Unmöglichkeit der Aussage: Es ist so! Denn es gibt immer noch andere Sichtweisen und Blickwinkel. Die künstlerische Praxis muss - so meine Position - immer eine Differenz zur Alltagswelt und zum „Gewohnten“ herstellen. Durch diese Differenz vermag sie Denk- und Handlungsräume zu öffnen, die einer eigenen Logik folgen und in denen Reflexion und Erfahrung auf besondere Weise möglich sind.

Ich arbeite seit vielen Jahren mit partizipativer künstlerischer Praxis in und mit verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten. Den Begriff Kontext benutze ich, weil er eine bestimmte Auffassung von Realität beschreibt. Diese entspricht einem Gewebe aus sozialen, politischen, ästhetischen, gesellschaftlichen, historischen, räumlichen etc. Aspekten. Wirklichkeit als ein Feld, das nie als Ganzheit, sondern immer nur in Ausschnitten gesehen wird. Wirklichkeit als ein Gewebe mit unterschiedlichen Knoten und Fadenläufen, die immer wieder neu und aktiv geknüpft werden. Wirklichkeit geprägt von einer Vielfalt an Widersprüchen, die uns immer wieder verunsichern und fragen lassen: Was geht hier vor? Wirklichkeit als ein konstruiertes Gebilde, an das anzunähern nur im Dialog mit anderen gelingt.

Kann es sein, dass die partizipative Praxis in der Kunstwelt zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, weil es heute genau um diesen Dialog geht, in dem wir uns gegenseitig (und) an die Wirklichkeiten annähern? In der partizipativen Praxis stehen der Austausch und die Verständigung der beteiligten Menschen über ihre Wahrnehmungen und ihr Handeln im Fokus. Kommunikation in all ihren Formen – verbal und non-verbal – ist hier grundlegend. Ich spreche dann von partizipativer Praxis, wenn über bloße Auswahl- oder Eingabemöglichkeiten hinaus für Menschen differenziertes Handeln auf allen Arbeitsebenen eines Projekts möglich ist. Es geht mir über die Kommunikation hinaus darum, ins Handeln zu kommen.

Mit der Kategorie "Partizipative Kunst" werden solche Praxen in den Kanon der Kunst aufgenommen. Doch auf Tagungen[2] dazu fällt auf, dass der Diskurs überwiegend entweder auf Arbeiten gerichtet ist, die vor allem im Kontext von Kunstinstitutionen agieren, oder er sich auf etablierte Kunstbegriffe stützt. Das verunsichert mich und ich neige dazu, mir selbst zu widersprechen, was das Ende des Textes zeigen wird. Denn die aktuellen Entwicklungen wie der Rechtsruck, die Krise der Demokratie, der Ausverkauf der Städte und der ländlichen Regionen, lassen mich zweifeln, ob der Begriff der Partizipation / Teilhabe überhaupt noch brauchbar ist. Geht es nicht darum, wie auch Klaus Selle im Kontext der Stadtentwicklung proklamiert: über Beteiligung hinaus zu denken und gemeinsam Handeln als Gemeinschaftsaufgabe zu sehen?[3]

Wir leben in einer Zeit, die weltweit von multiplen Krisen geprägt ist. Das globale Wirtschaftssystem zerstört Existenzmöglichkeiten. Wir wissen, grundlegende Veränderungen sind notwendig. Allerorten gibt es Menschen, die durchgreifende Veränderungen vorbereiten und schon leben, wenn auch mit vielen Herausforderungen und in Widersprüchen. Beispiele sind: die solidarische Landwirtschaft, Unternehmen mit Organisationsstrukturen wie sie Frederic Laloux[4] beschreibt oder das ICCA Consortium[5], in dem weltweit vernetzt indigene und lokale Communities für den Erhalt der ökologischen und kulturellen Vielfalt kämpfen. Jenseits des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems entwickeln sich Organisationen, Verbindungen, Strukturen und Prozesse, die andere Kriterien für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenwirken anwenden.

Auch in die Kunst ziehen Methoden, Anliegen, Kooperationen, Funktionen und eben auch (partizipative) Praxen ein, die nicht per se in ihren Bereich gehören. Der Werkcharakter löst sich entweder völlig auf oder er liegt in einzelnen Teilen eines Projekts. Das Agieren im Prozess, das Operieren mit verschiedenen Formaten und hybriden Formen ist prägend. Als Teil des Kontextes, in dem "Beteiligte" agieren, knüpfen sie das Gewebe der Wirklichkeiten mit. Dies zeugt von einem Wandel, der das etablierte Kunstsystem in Frage stellt.

Die Pandemie hält für uns Situationen bereit, die wir uns vor ein paar Monaten noch nicht haben vorstellen können. Sie stellt uns, was den sozialen Zusammenhalt und die weltweite Solidarität angeht, noch expliziter vor die Frage, worauf wir unser Handeln richten: auf uns selbst und/oder auf den anderen, auf das Lokale und/oder das Globale. Sie lässt erahnen, dass diese Dualismen nicht mehr greifen, dass diese Trennungen obsolet geworden sind. Wir sind gezwungen, die Grundlagen unseres Denkens und Handelns zu hinterfragen, zu prüfen, zu bearbeiten. Im Mai 2020 veröffentlicht die AG Urbane Praxis im Rat für die Künste eine Stellungnahme. Es wird von allen Akteur*innen innerhalb und außerhalb des Kunst- und Kulturbereichs gefordert, sich "draußen" gemeinsam auf den Weg hin zu einer "neuen Stadt" zu machen. Es wird sich erweisen, was das Programm der "Draußenstadt" hervorbringen wird.

"«We'll need to rethink a few things ...» Überlegungen zu einer Kunstwissenschaft der nächsten Gesellschaften." ist ein Text von Birte Kleine-Benne[6] überschrieben, in dem sie nach einem langen Fragenkatalog einen ersten Entwurf wagt. "Poiesis" (etwas hervorbringen, in Anwesenheit-bringen) schlägt sie als passenderen Begriff für Arbeiten von Künstlern und Künstlerinnen, die die Transformation vorwegnehmen, vor. Ihre Werke treten eher als Hervorbringungs- und Handlungsfunktionen in Erscheinung. In ihnen ist das Paradox zu fassen und das Mögliche wird in der Wirklichkeit neu verortet:

"Das Mögliche (ent-)steht nicht (mehr) im Gegensatz zum Wirklichen, vielmehr werden Wirklichkeiten des Möglichen erweitert und in Anwesenheit gebracht."[8]

Fußnoten:

[1] Link zum Projekt perspektiven ( ): , Gemeinde Steinhöfel, 2005 - 2007.

[2] Das Unvorhergesehene. Vom Reiz des Risikos in partizipativen Künsten. Konferenz am 16.11.2019 im Haus der Kulturen der Welt Berlin

[3] Klaus Selle (2013) Über Bürgerbeteiligung hinaus. Stadtentwicklung als Gemeinschaftsaufgabe? Analysen und Konzepte. edition stadt | entwicklung, Verlag Dorothea Rohn, Detmold.

[4] Frederic Laloux (2015) Reinventing Organizations. Verlag Franz Vahlen München.

[5] siehe

[6] Birte Kleine-Benne (2020) «We'll need to rethink a few things ...» Überlegungen zu einer Kunstwissenschaft der nächsten Gesellschaft/en. Kritische Berichte. Heft 1, 2020, Jahrgang 48, S.27-35.

[7] Initiative der AG Urbane Praxis (2020): URBANE PRAXIS, mit + nach Corona. siehe

[8] Birte Kleine-Benne (2019) Künstlerische Poiesis ft. Menschenrechte ft. künstlerische Poiesis., in kunsttexte.de, Sektion Gegenwart, Nr. 4, 2019, S. 23.